Zu Hause kann ich, ich sein.

artbyjoensch.de

Natürlich kann ich auch woanders ich sein, aber erst zu Hause bei der Familie kann man sich so richtig fallen lassen- loslassen von dem wer- man sein möchte, nicht möchte und für andere ist. Zuhause ist man wieder Kind, die Tochter, die Schwester.

Das liegt vor allem daran, dass die Rollen so gefestigt sind. Zumindest meine Familie (ich bin so froh, dass ihr so seid wie ihr seid!) keine Fragen stellen, mich nicht überschwemmen mit Sorgen und mich einfach so aufnehmen wie ich bin- K.O. von der Fahrt und müde auf dem Sofa liegend.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich meine Family seit meiner Diagnose Anfang Juli nicht mehr gesehen hatte. 8,5 Stunden im Nahverkehr  oder 6 Stunden mit dem Fernverkehr. Da kommt man nicht so schnell hin und auch nicht so schnell zu mir her. Ich war bisher auch recht froh, einfach den Abstand zu haben. Man ist mit sich selbst schon genug beschäftigt… Und was man nicht kennt, das vermisst man auch nicht.

Also komme ich nach einer 6stündigen Zugfahrt an und werde gleich in die Wohnungsplanungen eingebunden. Sofa-shoppen im nächsten Wohnungsmarkt. Besser kann es nicht sein! Mitten drin, statt nur dabei. Meine Eltern beraten, auf Sofas rumfletzen, sich in wirren Gängen verirren und holzigen Marktgeruch schnuppern. Anschließend heißt es nach Hause.

Ankommen.

Sich auf das Sofa legen und ausruhen. Mütze ab und dem Oben ohne etwas Luft gönnen! Werden meine Eltern doch was sagen? Werden sie komisch gucken. Traue ich mich meine kranke Seite zu zeigen?. Augen zu und durch. Natürlich haben sie nichts gesagt, sie haben mich ja schon per Skype gesehen- Oben ohne, und sie kennen es ja noch aus meiner Jugend, als ich mir mit 18 bereits mal einen Kahlschlag verpasst habe. Alles bekannt und doch anders.

Und am besten war ja doch die Reaktion meines Bruders als er mit der Hand über den Kopf fährt „Boah, das fühlt sich voll krass an.“ Offen, ohne ein Blatt vor dem Mund einfach wie es ist 😀 

Danke dafür. Es ist so erleichternd zu erleben, dass man einfach so angenommen wird wie man ist ohne sich rechtfertigen oder verteidigen zu müssen. Es gibt halt außerhalb und teilweise auch in meinem Verwandtenkreis  Personen, die mir gewisse Dinge nicht zumuten oder mir Produkte andrehen und damit mir das Gefühl geben, das die Medizin oder meine Lebensweise nicht ausreicht um eine positive Behandlung zu bewirken. Das Strengt ungemein an.

In den ersten zwei Tagen konnte ich tatsächlich komplett abschalten. Danach kamen die Gedanken rund um den Krebs wieder. Denn da sind die Nachbarn die Fragen, die Freunde die ich treffe und auch Gespräche in der Familie. Aber allen drum und dran war es eine schöne und produktive Woche!

Ach das Foto (siehe oben) ist in den letzten 10 Minuten meines Familienbesuchs entstanden, ich kann gar nicht sagen wie schwierig das Posen ist XD- Spontan geht das gar nicht. Danke mein lieber Bruder, für dieses tolle Foto!

Mit 31 Jahren habe ich zum ersten Mal so richtig Heimweh.

Eure Onko

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3 Antworten zu Zu Hause kann ich, ich sein.

  1. Andrea schreibt:

    Hallo Du Gespenst, unverblümt und offen mein erster Gedanke zum Bild aber schön. Ist das noch meine Kathrin. Ja, sie ist’s: Schön auch Dein unvergleichliches Lachen am Telefon neulich zu hören, als mein Kleiner Dich versehentlich anrief. Jetzt ist mein Baby schon 2 Jahre alt. In diesem Jahr reiht sich so viel aneinander. Glück und Unglück, Negatives und Positives: Das Thema Krebs beherrscht ganz schön massiv, Freude aber auch über die Entwicklungschritte meines Kleinen, Sterbefälle im Bekanntenkreis und ein neuer Folgearbeitsvertrag für ein Jahr. Flüchtlinge in Rinteln, das Sonnenblumenfest in Möllenbeck…
    Ich bin dieses Jahr ein Bündel diverser Gefühle. Es geht dieses Jahr für mich zu viel rauf und runter. Hört es denn gar nicht auf. Innehalten wäre schön. Lautstärkeknopf aus und nur noch Meeresrauschen im Blick – alles fallen lassen… Entspann Dich schön, Kathrin. LG Andrea

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    • onkobitch schreibt:

      Oh liebe Andrea, es sind genau solche alltägliche Situationen, die mir so ein ausgelassenes Lachen entlocken. Bekanntlich hat das mein Neffe ebenfalls gut drauf das Telefon unbedarft zu benutzen. Ich habe mich sehr gefreut dich auch für nur knapp 30 Sekunden zu hören. ^^ Du sagst es, das Thema Krebs ist ganz schön penetrant Für mich neu und ein ständiger Begleiter, für dich sicherlich immer wieder auftauchend. Ich hätte nie gedacht, dass ich auch mal dazu gehören würde. Das mit deiner Familie hört sich nicht schön an, ich hoffe bei einem nächsten Telefonat können wir mal miteinander reden. Ich lege mich gemütlich aufs Sofa und genieße bei Musik meinen Abend. Liebe Grüße Deine Kathrin!

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  2. Andrea schreibt:

    Familie ist ok, zum Glück. Aber im Bekanntenkreis und im Umfeld der Arbeitskollegen zeigt der Bruder des Sandmanns sein Gesicht und löscht im Moment viele Lebenlichter oder die Lebenslichter flackern sehr arg im Wind.

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