Sind wir nicht alle ein bisschen… Teil 2

Elisenhain7Ein großer Punkt der den Wechsel der Identität und Normalität beeinflusst, ist die Tatsache, dass zum einen der Alltag umgestellt wird und zum anderen die Gedanken eine wichtige Rolle dabei spielen.

Ich bin 31 und habe als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet. Mein Vertrag lief zwar aus, wurde aber einen Monat vorher, wegen meines Befindens (welches ich irgendwie hatte oder auch nicht) und der Untersuchungen, Krank geschrieben. Ich war und bin also komplett zu Hause und Arbeitsunfähig. Was fängt man also mit so viel Zeit an? Freizeit, die man eigentlich im gesunden Zustand will. Jetzt mit Krebs war die Zeit da und ich wusste erst einmal nicht wie ich diese richtig füllen sollte- ich weiß es teilweise immer noch nicht! 😀 Das wichtigste ist aber sich den Alltag mit schönen Dingen zu gestalten! Dazu bald mehr :D.

Ich bin nicht schwul, nicht lesbisch, ich bin habe Krebs!

Die Bedeutung so akzeptiert zu werden wie man ist, mit dem was man mitbringt, hat für mich eine große Bedeutung gespielt und tut es immer noch. Ich hatte nie das Bedürfnis mich zu verstecken oder mich wegen der Erkrankung schlecht zu fühlen. Vor allem war es mir wichtig von meiner Familie und meinen Freunden so angenommen zu werden wie ich bin. Ich glaube dieses coming-out war für mich schon so ein Gefühl das evtl. mit der Homosexualität gleichzusetzen ist. Zumindest glaube ich es nun eher nachempfinden zu können.

Dann sind da noch meine Gedanken. Die Diagnose bringt zunächst das Hirn dazu nur die wichtigsten Informationen aufzunehmen, die mit dem Thema zu tun haben. Gleichzeitig kam ich aber in die Situation ständig daran zu denken und es mit anderen teilen zu wollen. Ich kann euch sagen, diese Phase fand ich selbst für mich sehr anstrengend. Die Gespräche die zunächst Smalltalk beinhalteten waren langweilig und bedeutungslos. Freude an Feiern waren sehr eingeschränkt, zumal das Leben doch einen so mit nimmt. „This is the Rhythm of my life“ eine Textpassage aus dem Coversong Of The Night von Bastille, hat mir in manchen Momenten vor Augen geführt, wie anders mein Leben pulsiert und stottert. Das macht einen besonders traurig, denn  so eine schwierige Situation habe ich mir nicht gewünscht.

Da ich sehr offensiv mit mir und meiner Diagnose umgehe habe ich mich am wohlsten Gefühlt darüber zu reden- ich hatte schier das Bedürfnis dies zu tun. Es musste einfach raus und danach kamen auch andere Gespräche zustande. Zum Glück! Heute muss ich nicht immer sofort über meine Erkrankung reden. Es tut aber immer noch gut dies zu tun!  Es rutscht auch immer als Thema in ein Gespräch. Da ich gern über mich selbst lache, gibt es ebenfalls ab und an Anekdoten zu irgendwelchen Verpeiltheiten. OK, vielleicht neige ich dazu gerne im „Rampenlicht“ zu stehen.. Who cares :D.. Irgendwo muss ja der Honig herkommen, den ich mir dann auf meinen Bauch pinsel!

Ein weiterer Aspekt der Veränderungen, die ich mitgemacht habe sind meine Werte. In Romanen liest man bei traumatischen Erlebnissen gerne mal von einem Anhalten der Welt. Diese so dramatische Wendung habe ich nicht erlebt. Vielmehr überrascht es mich nach Monaten der Behandlung zu merken, dass meine Werte anders sind. Ich will nicht auf gewisse Dinge verzichten, die mir Glücksgefühle bereiten. Ich will spontaner sein. Gönne mir mehr als vorher. Ich will jetzt Leben und nicht zu viel ins nächste Jahr bzw. auf später verschieben. Neue Menschen kennenlernen und einfach offener sein. Leben und das Gefühl haben zu Leben. Ich sage mehr meine Meinung, Fluche häufiger, trete in Fettnäpfchen und bin mehr ich, obwohl mehr von mir fehlt (Zellen-und Haare-mäßig) ;-).

_MG_0055Die Schwierigkeit des Ganzen ist es, seine Liebsten daran teilhaben zu lassen und mit im Veränderungsprozess mitzunehmen. Häufig passieren diese Entwicklungen unterschwellig, so dass man sich selbst überrascht umschaut, dass die Welt nicht mehr grau, sondern bunt ist.

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