Sei mal ehrlich!- Wie geht es dir wirklich?

Eine Frage deren Antwort unterschiedlicher nicht sein könnte und dessen Erwartung immer wieder von Neuem enttäuscht wird. Denn diese zu beantworten ist tatsächlich nicht so einfach.

Wenn jemand wissen will wie es mir geht, dann antworte ich in den meisten Fällen mit GUT.

Tut es das wirklich?

Ja, in den meisten Fällen schon. Im Vergleich zu anderen Betroffenen, geht es mir gut. In anderen Aspekten geht es mir wiederum nicht so gut. Der Fakt, das Schakeline einfach riesig ist und die Brust komplett weg muss samt Nippel, ist schon ein Batzen, den ich verarbeiten muss. Da ist meine Weiblichkeit und ich. Aber hey, ich Lebe noch! Und ich habe nicht vor an meinem Lebenshunger etwas wegnehmen zu lassen. Es könnte immer noch schlimmer sein. Ist es aber nicht und ich erwarte ein Happy-End in der ganzen Geschichte auch wenn ich vielleicht nicht mehr aus vollen Stücken bestehe. Ich versuche immer etwas Positives zu sehen. Vielleicht ist das eine Schutzfunktion aber dafür sind sie ja da. Wenn ich also die Frage nach meinem Befinden bekomme, dann denke ich Grundsätzlich erst mal an mein aktuelles Befinden, danach folgt die Erkenntnis, dass ich eine Überlebenschance habe und das ich weniger Nebenwirkungen habe als so manch andere Patientin. Das aber im Smalltalk innerhalb von 5 Minuten zu erläutern ist etwas mühselig. Und mal ehrlich, wer will wirklich wissen wie es mir geht, wenn er eine solche Frage stellt und dann beim ersten Wortlaut über die Chemotherapie sich schon wieder verabschiedet. Ja, sowas ist mir passiert. Aber gut, die Person wird schon ihre Gründe haben, warum sie damit nicht umgehen kann.

Eine andere Reaktion die ich erhalten habe -als ich frisch beglatzt und freudestrahlend berichtete, dass es mir soweit gut geht- war, ob ich mir die Erkrankung gewünscht hätte!

Ja klar, mir hätte nichts besseres passieren können!*Sarkasmus aus*

Sprachlos stand ich da erst einmal wie ein Karpfen und machte so Schnappbewegungen. Das war schon ziemlich verletzend! Ich hab darüber gut 2 Wochen nachgedacht.

Das es einem gut geht, wenn man schwer Krank ist und das große Krabbelvieh Namens Krebs hat, geht ja mal gar nicht. Ich kriege bei dieser versteckten Erwartung in der Frage immer das Gefühl, dass es mir nicht schlecht genug geht oder meine Antwort nicht als ehrlich angesehen wird, weil eigentlich müsste es einem doch so richtig scheiße gehen. Da darf man nicht lachen! Am besten bemitleidet man sich selbst permanent und drückt den anderen Menschen um einen herum sein Leid auf!

Natürlich geht es mir nicht immer gut. Die Belastung durch die Krankheit und auch die Chemotherapie ist da. Aber sie ist nicht permanent da, sondern dann spürbar, wenn die körperliche Belastung durch die Chemo, schlechte Neuigkeiten und der gewöhnliche Alltag einfach mal wieder viele Hürden für einen bereitstellt.

Es ist gar nicht einfach so ein Zugeständnis zu machen. Schließlich sind wir auch dahin erzogen worden, dass es uns bei Nachfrage immer gut geht und man schlechtes nicht wissen will. Vor allen Dingen, wenn man zwischen dem aktuellen Befinden, der gesamten Situation und einen Vergleich zu anderen Krebspatienten macht. Stellt euch vor, dass ich mich schlecht gefühlt habe, weil es mir nicht schlecht ging. Wie bekloppt ist das denn?

Ich arbeite gerade an einem Infoheft, dass andere Patientinnen unterstützt, mit ihrer Situation zurecht zu kommen. Ich habe mich und meine Hilfsmöglichkeit in Frage gestellt, weil ich nicht die Nebenwirkungen der meisten Patientinnen habe. Was daran liegt, dass ich einfach mit einem ganz anderen Kopf an die Sache gehe. Schwupps, plötzlich denke ich total negativ über mich selbst und merke wie das auf den Körper schlägt. Zum Glück habe ich Freunde, meinen Partner und meine Ärztin, die mir da zureden und mich in meinem Umgang stärken. Heute weiß ich, dass ich kaum an Fatique leide, weil meine Grundstimmung nicht deprimiert ist. Ich habe wenig Nebenwirkungen, weil ich die Nebenwirkungen die ich habe nicht Fokussiere. Das war während der Downphase gar nicht so einfach. Es ist Arbeit, immer zu versuchen das Positive zu sehen. Auf jeden Fall fühlt es sich anders an Krebs zu haben als jemanden im Umfeld mit Krebs zu sehen. Man steckt halt drin, man kann es nicht ändern und man muss da durch. Vor allem muss man es sehen wie es ist und nicht darüber denken „Was wäre wenn“. Was bleibt auch einem anderes übrig. Wichtig ist nur, sich selbst und das Leben nicht aufzugeben. Natürlich ist es anstrengend, allein die Tatsache schon, dass man Krebs hat ist Phasenweise belastend.

Ach etwas Positives zum Schluss! Ich habe noch 3 Chemos vor mir und diese Woche eine kleine Pause. Meine Leukos sind mal wieder zu niedrig. Aber dreimal noch und dann geht es in die nächste Runde, dann ist Schakeline weg! Ich hoffe mit allen blöden Krebszellen die da sind.

Lg Eure Onko!

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2 Antworten zu Sei mal ehrlich!- Wie geht es dir wirklich?

  1. Metzger schreibt:

    Hi Onko,
    ja so ist das mit den Leuten 😉
    Aber ich glaube einfach, dass viele Leute einfach nicht mit der Situation umgehen können.
    Einfach ehrlich zu sein ohne Mitleid zu heucheln (das eh kaum einer in der Situation will) fällt manchem schwer.
    Da ist die Angst nicht die passenden Worte zu finden, niemanden verletzen zu wollen, ect.
    Doch daraus resultiert leider in vielen Fällen das krasse Gegenteil – eben das was du beschreibst.

    Ärgere dich nicht zu sehr darüber und mach dir auch nicht so viele Gedanken,
    jetzt lernst du die Leute kennen die zu dir stehen!

    LG
    der Metzger

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  2. onkobitch schreibt:

    Hey Metzger! Schön, dich hier zu lesen. Da hast du recht. Es ist sicherlich nicht einfach und Menschen gehen sehr verschieden damit um. Nichts zu sagen ist manchmal auch passend :D. Ich habe mich ein wenig geärgert aber am meisten habe ich mich gewundert. Stimmt ich lerne viele Menschen (wieder) kennen und die mir gut tun. 🙂 Lg Onko

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