Innerlich verRÜCKT

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verRückt

Bis heute ist mir nie aufgefallen, dass verrückt auch eine ganz andere Bedeutung haben kann als die, dass man nicht mehr ganz tickt in der Birne (um es mal sallopp auszudrücken). Bildlich gesprochen fühle ich mich wie schlecht bedruckte Einkaufsprospekte bei denen die Farben nicht richtig übereinander lappen, sondern um ein paar Millimeter verrückt sind.

Vor der Operation hatte ich Angst davor mich nicht mehr als Frau zu fühlen. Heute kann ich sagen, dass das nicht zutrifft. Ich fühle mich genauso wie vorher. Ich fühle mich nach mich an, sehe aber anders aus. Ich habe (nur) eine Brust weniger und eine andere die sich etwas fester als die davor anfühlt. Die Narben und Nähte sind noch zu sehen und alles ist frisch. An manchen Stellen kommt das Gefühl zurück an manchen noch nicht. Ich spüre meinen rechten Nippel derzeit noch nicht und alles was noch an der Naht entlang geht.

Ich habe nun eine entfernte Verwandte- Schakeline ist nun endlich weg. Ich bin erleichtert diese ganze Gedankenspirale hinter mich zu haben und hoffe darauf, dass nach der Bestrahlung auch wirklich nichts mehr wiederkommt. Das blöde an Krebs ist, es hat in frühen Stadien keine Auswirkungen auf den Körper. Da ist keine spürbare Bedrohung nur wenn man es so sieht, die Ohnmacht und Todesangst die so mancher durch Krebs einfach bekommt. Obwohl Krebs nicht gleich Tod bedeutet. Die Chemo war für mich ein Klacks, es gab die Sicht wieder in meinen Normalzustand zu kommen ohne einen großen Eingriff in meinen Körper zu empfinden. Etwas, dem man mit einfachen Mitteln entgegenwirken kann. Jetzt sitze ich hier und weiß: Mit ’nem Ingwertee kommt mein Körperteil nicht mehr zurück. Ich glaube es wäre egal ob es ein Bein oder Fuß wäre, da fehlt einfach etwas. Nun sitze ich hier auf meinem Sofa und habe Trennungsschmerzen. Für die Körperlichen habe ich sehr effektive Schmerzmittel für meine Seele habe ich Schokolade (Danke Autonom), meinen Freund und mich selbst.

Zum ersten Mal spüre ich die „wahren“ Konsequenzen einer Krebserkrankung. Jetzt könnte ich manchen sagen, jetzt fängt es tatsächlich an. Nicht mit dem Haarausfall sondern mit dem Verlust. Zum Glück muss da nicht jede Frau gleich durch und nicht jede Erkrankung führt zu einer Mastektomie. Meine Schakeline war einfach ein total hinterfotziges Miststück, das sich angeschlichen hat. Ich hoffe sehr stark, dass mit der Bestrahlung alles vernichtet ist und ich auch nach 10 Jahren Krebsfrei bin. Im Moment habe ich nur noch Kraft für den Rest, danach möchte ich mich erholen.

Jetzt habe ich für meine „Silli“-Silikonbrust eine Bandage, die alles in Form hält. Dazu gibt es ja noch Tittus- die Stofftitte, die alles wieder in einen optisches Gleichgewicht bringt. Damit darf ich nun 3 Monate umher spazieren, damit alles gut zusammen wächst und nicht verrutscht. Ob meine Linke einen Aufbau bekommt hängt davon ab ob die Bestrahlung meine Haut stark beeinträchtigt und die Haut noch dehnbar ist. Aber auch ob ich einen Eingriff noch möchte. Es war einfach zu wenig Haut da, weil sich Schakeline so breit gemacht hat. Bis unter die Haut und den Nippel.

Im Moment bin ich unfassbar dankbar, dass mein Freund sich nicht abwendet, mich nicht mit schockiertem Blick anschaut und das was ja noch da ist noch mag! Auch wenn ich selbst nicht weiß was ich von mir halten soll. Nach 7 Tagen ohne Duschen war es heute eine echte Erleichterung mit seiner Hilfe die restliche orange Farbe vom Körper zu spülen. Nicht zu vergessen die klebrigen Reste von meinen Hitzewallungen und den Pflastern.

Ein wunder, dass noch keine Schweißfliegen Schmeißfliegen um mich herum flogen :D. Ach danke Kiki für den Tipp mit den Feuchtetüchern! 😀

Liebe Grüße

Eure Onko

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5 Antworten zu Innerlich verRÜCKT

  1. holladihia schreibt:

    Liebe Onko,

    es wird zunehmend schwieriger, Schritt zu halten, denn das letzte, das ich zu behaupten vermag, ist, dass ich verstehe, was in Dir vorgeht. Das kann man wohl nur, wenn man Gleiches oder Ähnliches erlebt hat und selbst dann dürften sowohl Empfindungen als auch Gedanken zu individuell sein, um wirklich sagen zu können: „Ich verstehe das, ich weiß, was in Dir vorgeht“. Aber ich kann sehr wohl behaupten, dass ich mit Dir fühle, dass Du mich mit Deinen Berichten hier durch Deine Auf- und Ab-Phasen nimmst und dass ich Anteil nehme (auch wenn ich nicht immer auf Deine Beiträge reagiere).

    Bei Deinem heutigen Einleitungssatz musste ich leicht schmunzeln, denn es fielen mir 2 Gedichte ein, die ich mal zum Thema „ver-rückt“ geschrieben habe. Keine Ahnung, ob das hier passt, aber vielleicht lenken sie Dich etwas ab und regen zum Nachdenken oder Träumen an. 😉

    Verrückt!?

    Durch eine verrückte Kurve mich drückt,
    mein Auto, von dem ich bisher entzückt.
    Und schrottreif durch die irre Parabel,
    ist das gute Teil nun leider irreparabel.
    Nur eine kleine Spur bin ich verrückt.
    © KK 2003

    Ver-rückt

    Ich sehe deinen Geschmack,
    ich höre deinen Geruch,
    ich taste deine Stimme,
    ich rieche deine Augen,
    ich schmecke deine Konturen.

    Meine Sinne sind ver-rückt,
    verwirren sich gegenseitig,
    zaubern Trugbilder aus dir,
    als tanzten sie einen Traum,
    als träumten sie einen Tanz.
    © KK 2005

    Eine Anmerkung noch, falls gestattet: Dein Freund ist ein Goldstück und bekommt von mir den größten Respekt. *thumbs up*

    Gefällt 2 Personen

  2. Kiki schreibt:

    Da kann ich Dir und meiner Vorrednerin nur zustimmen. Auch ich kann es nicht nachempfinden, was Du im Moment (oder überhaupt) durch machen musst. Tatsächlich ging es mir während der Chemo so schlecht wie schon lange nicht mehr (körperlich wie auch mental). Und den Verlust, von dem Du schreibst, habe ich auch nicht so empfunden wie Du. Es ist zwar anders schlecht, aber nicht schlechter. Aber trotzdem fühle ich mit Dir mit. Und es tut mir echt leid, dass Du da jetzt durch musst. Umso glücklicher macht es mich, dass Du einen ganz ganz tollen Freund an Deiner Seite hast (nicht nur einen wie es mir scheint). Ich wünsche Dir auf jeden Fall, dass Du Deine wohl verdiente Ruhe bekommst und die Kraft, die Du brauchst, um weitere Entscheidungen zu treffen.
    Und es freut mich, dass Dir mein Tipp geholfen hat! 😊

    Gefällt 1 Person

  3. Kiki schreibt:

    Hmmm. Ich KANN ja auch gar nicht den Verlust, den Du momentan durch machst, nachempfinden, da ich ja zwei neue Brüste habe.. Es tut mir leid, falls ich Dir dadurch auf den Schlips getreten bin..

    Gefällt 1 Person

  4. onkobitch schreibt:

    Hallo Ihr zwei! 😀 Ich erdreiste mich einfach mal eine Antwort auf eure Kommentare zusammen zu posten. Ich habe selbst festgestellt, dass jeder seine Erkrankung anders wahrnimmt. Das hängt halt von vielen Faktoren ab. Dem einen fällt es total schwer seine Haare ausfallen zu sehen und andere wiederum haben Angst vor der Bestrahlung. Ich kann mich auch nur stellenweise in andere Mitbetroffene hinein versetzen. Ich freue mich aber sehr, dass ihr an mich denkt, mir Mut und Kraft gebt :). Nein Kiki, du bist mir nicht auf den Schlips getreten, die Zeit hatte ich gar nicht dafür mir einen um zubinden XD.

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Heute trage ich Brüste! | onkobitch

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