Im Land der Schubladen

SchubladeWenn ich mir mein Leben, das der Anderen und den gesellschaftlichen Blick auf die Menschheit anschaue, habe ich das Gefühl wir befinden uns einem Möbelhaus voller Schränke. Und in diesem Leben verfangen wir uns unzählige male in den Scharnieren der Schubladen. Wenn nicht, dann bleiben immer noch die Klamotten, die wir uns und anderen überstülpen.

Am besten eignet sich dafür Ikea, denn da gibt es alle möglichen Formen, Farben und Größen. Sogar die Altersklassen stimmen: da ist für jeden etwas dabei!  Die Preisliga ist da eher unerheblich, denn mit Geld kann man sein ‚Selbst‘ nicht formen. Vielmehr ist es der Umgang damit. Es geht vor allem um: Eifkapu und Zilsta, „einfachkaputmachbar“ und „Ziemlichstabil“, die Schränke die uns durch das Leben begleiten.

Und bei einigen steht der Schrank trotz fehlender Schraube(n)! 😉 (Wozu gibt es Leim!)

Schubladen

Es gibt unzählige Schubladen die wir bereits über Generationen hin geschaffen haben und damit meinen, einen besseren Überblick über das Leben zu kriegen. Eine vermeintliche Orientierungs- und Aufräumhilfe. Das witzige ist, in fast jedem Haushalt gibt es eine Schublade, in dem das Ordnungsgesetz aufgehoben wird und alles mögliche wild durcheinander fliegt. Radiergummi trifft auf Flaschenöffner oder dergleichen. Im wirklichen Leben sieht es identisch aber stellenweise schwieriger aus.

Da gibt es z.B. die Schubladen:

  • Homosexuell
  • Behindert
  • Schüchtern
  • Verheiratet etc.

Damit wird es natürlich nicht einfacher. Es gibt Unterordner, Nebenfächer und ein Ordnungssystem das nach Farben, Größen, Geschlecht und Religion aufgestellt ist.  Es ist schier unmöglich nichts zu finden. Doch wir wundern uns, wenn wir vom Shoppen mit leeren Tüten nach Hause kommen, weil das was wir tragen wollen nicht passt, weil einfach ganz andere Schubladen bedient wurden.

Eine Eigenschaft der Schublade ist, dass man sie nicht öffnen muss um zu wissen was darin steckt. Ich meine nach einer jahrelangen Betitelung wissen wir blind was wir finden, wenn wir sie öffnen. Oben die Schals, mittig Pullover & T-shirts, Hosen fast unten sowie Socken und Dessous/Unterswäsche separat. Easy!

Doch wir öffnen Schubladen ziemlich ungern komplett. Wir begnügen uns mit dem äußeren Blick auf die Dinge, aus Angst wir müssten das annehmen was andere Tragen oder uns könnte es gefallen was wir da finden. Nehmen wir die derzeitige Ausländerdebatte. Die größte Angst besteht darin dass wir durch die Aufnahme, unsere Kleiderschränke verlieren. Im Großen und ganzen würde ich sagen: es kommt einfach eine neue Kommode in den Möbelladen dazu und wir tragen anstatt eine Madonna auf dem T-Shirt, die Götterfigur Vishnu. Aber ehrlich schauen wir uns die Menschen unter dem Klamottenberg an, (den sie nicht haben) sind es Menschen wie du und ich.

Wir neigen aber auch dazu alles in die festen Schubfächer zu stecken und uns daran auszumachen. Problematisch wird dies wenn wir plötzlich nicht mehr in den Kategorien aufgehen. Es wird eine Schraube locker, die Schublade klemmt oder das Holz der Kommode verzieht sich. Wir passen nicht mehr da rein wo wir uns ziemlich wohl gefühlt haben und alles andere was bisher eigentlich bekannt war wird nun bedrohlich anders, denn man schaut genauer hin. Wo passe ich dazu, wer bin ich wirklich, was macht mich aus? Welche Farbe trage ich am liebsten und wie fühle ich mich eigentlich?

Bin ich innerlich eigentlich eine Frau oder ein Mann? Ist das notwendig zu hinterfragen? Man wird natürlich zu etwas erzogen aber ein Teil wird immer durch einen Selbst und die Umwelt gefestigt. Die Frage ist was wir daraus machen was wir haben und wie wir uns definieren- nicht was andere meinen was wir sind.

Während meiner Krebsdiagnose habe ich Frauen kennengelernt, die ein großes Problem mit dem Haarverlust hatten. Ich habe das Gefühl, dass sie schon vorher stark versucht haben sich an etwas anzupassen und plötzlich nicht mehr konnten. Vor meiner Brust-OP habe ich mich auch gefragt. Werde ich meine Weiblichkeit verlieren wenn ich meine Brust verliere? Als wenn es darauf ankommt, dass wir Männer oder Frauen sein müssen um einen Platz im Leben zu haben. Ja, man muss sich identifizieren können! Dazu gehören aber auch Menschen die eben nicht zu den typischen Schubladen gehören. Nicht die Vielseitigkeit ist das Problem sich zu finden, sondern die eingeschränkte Sicht. Wenn ich nur zwischen männlich und weiblich entscheiden kann, mich aber als etwas ganz anderes empfinde, dann ist es nicht das Problem der Person, sondern das Schubladensystem. Das gilt natürlich für alle anderen Sichtweisen auch so. So lange nicht die Grenzen der Mitmenschen überschritten wird ist doch alles legitim.

Meine Schublade hat sich seit ich meinen Freund getroffen und seit dem ich meine Krebsdiagnose bekam um 30 cm weiter geöffnet. Je mehr sie sich öffnet um so vielseitiger und offener wird der Blick. Das Leben ist nicht schwarz/weiß. Es gibt mehr als einen Weg und man sollte sich auf sein Gefühl verlassen.

Am Anfang ist es schwierig, doch am Ende ist es mit offenen Fächern so viel leichter die Menschen zu sehen und sich wieder zu finden. Außerdem kann man zu dem greifen was man tragen will und nicht was man meint was zu einem passt.

Liebe Grüße

Eure philosophische Onko

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2 Antworten zu Im Land der Schubladen

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