Ins Gras beißen- ein totgeschwiegenes Thema?

I

Abnippeln, ins Gras beißen, den Löffel abgeben, von uns gehen, die Gänseblümchen von unten sehen, den Geist aufgeben, dran glauben müssen, die Grätsche machen, einschlafen, den letzten Atemzug machen, abtreten, sterben. abkratzen u.v.m

Kami-Gras

Ins Gras beißen

Ich könnte dieses Thema passend zu seiner Bedeutung- dramatisch, deprimierend und zu Tränen rührend aufgreifen- tue ich (hoffentlich) aber nicht!  Ich wäre ja auch nicht Onko, wenn ich dies täte. Und glaubt mir, ich hätte nicht erwartet, dass das Thema so früh und so präsent in meinem Leben sein würde. Traurig aber wahr.

Das einzige was während meiner Therapie und überhaupt abnippeln musste, war Schakeline so wie meine linke Brust und vorsorglich der rechte Brustdrüsenkörper. Passend also diese Bezeichnung, wobei ich auch vor geraumer Zeit erfahren habe, dass das Abnippeln nichts mit den Brustwarzen zu tun hat. Es kommt von dem Wort abnibbeln: „Herkunft ungeklärt; vielleicht zu niederdeutsch nibbeln = mit den Lippen, Zähnen kleine Stücke von etwas lösen“ (Duden)

Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich seit der Entdeckung meiner Erkrankung, Brustkrebs nie als Todesurteil gesehen habe. Dafür ist die Heilungschance durch die Therapie mit 80% sehr gut. Das hat mir von Anfang an sehr viel Hoffnung gegeben und dazu mein Vertrauen in die Medizin. Natürlich hängt alles von dem Stadium ab, in der sich der Tumor befindet. Meiner war ziemlich groß und auch meine Lymphknoten waren befallen. Vielmehr hatte ich da meine Angst vor der Mastektomie. Auch das Schritt für Schritt denken und handeln tat da sehr gut. Nicht über die Dinge grübeln, die ungewiss sind, sondern nach dem aktuellen Stand der Untersuchungen gehen. Das mindert die Angst.

Warum greife ich das Thema dann überhaupt auf? Warum eigentlich heute und nicht gleich zum Anfang meiner Diagnose?

Nach dem zu Anfang meiner Therapie geklärt wurde, dass ich keine Metastasen habe und eine kurative Chemotherapie ansteht fiel der größte Ballast von mir ab. Trotzdem war mir aufgrund der überwältigenden Situation die Bedeutung nicht komplett klar gewesen was es bedeutet hätte, wenn ich Metastasen gehabt hätte. Mein Freund hat mich da schon beschützt, mir keine Gedanken über die Dinge zu machen, die nicht sind.

Heute kann ich sagen, dass man auch eine gute Lebensprognose mit Metastasen haben kann. Das ist leider auch Abhängig von unterschiedlichen Faktoren aber zumindest ist das den Eindruck, den ich beim Brustkrebs erfahren habe. Es hat mich nicht davon abgehalten über mein Leben und über meine Einstellung zum Tod nachzudenken. Vor allem weil auch in diesem Jahr viele bekannte Künstler abgekratzt sind und in meinem Umkreis seit neuesten viele den Schöpfer treffen. Wenn es ihn überhaupt gibt.

Warum über Gevatter Tod nachdenken?

Ich habe familiären Brustkrebs. Das war schon ein tritt ins Gesicht, vor allem weil ich ja davor schon den Tritt durch den Brustkrebs, in den Bauch bekommen habe und somit schön kniend auf dem Boden hockte. Etwas vererbt zu haben, kann man nicht einfach so los werden. Man kann nicht einfach sagen, ich hab es jetzt hinter mir. Da gibt es defekte Anti-Tumorgene, die amoklaufende Zellen nicht erkennen und dadurch Krebs unentdeckt wachsen kann. Beim Brustkrebs sind das spezifische Gene und man hat nicht im ganzen Körper das Risiko. Aber ich habe z.B. ein Risiko an Eileiter -und Eiertockskrebs zu erkranken. Das kann ich zwar mit Operationen vermindern aber ein Restrisiko bleibt. Dass es mich überhaupt erwischt hat,?ist wie ein Lottogewinn- auch wenn es vererbt ist. Es passiert halt oder auch nicht. Da macht man sich natürlich Gedanken wie man seinen Löffel abgeben will. Ich will nicht unvorbereitet und unbedarft in mein zukünftiges Leben gehen.

Darüber nachzudenken finde ich wichtig. Vor allem stellt sich ja auch gleichzeitig die Frage wie wir Leben wollen. In der heutigen Zeit ist die Selbstbestimmung so weit voran geschritten, dass glücklicherweise es dahin geht, dass wir auch darüber entscheiden können wie wir abtreten wollen.

Der Tod in den Medien

Mich nervt es stellenweise sehr Filme und Serien über Krebskranke anzuschauen. Wer guckt sich das eigentlich freiwillig an? Wenn die Protagonisten erst einmal ein Bein verlieren müssen damit der Zuschauer überhaupt einschaltet oder es so spannend findet, dass er dran bleibt. Und der Höhepunkt des Ganzen, sie sind doch fast alle am abkacken. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder“Knocking on heavens door“- sorry, wenn ich gerade mächtig spoiler- sind solche Filme und davon gibt es zu ‚hauf. Es wird polarisiert und es wird über einen Kamm geschert. Er/sie hat eine Krebsdiagnose und der Sensenmann wartet bereits am Beet und hakt die Radieschen. Die Heilungschancen sind je nach Krebsart und Stadium unterschiedlich und dass muss man sich auch vor Augen halten! Dadurch kommt (so vermute ich) dieses Ohnmachtsgefühl, dass wir sofort tot umfallen, egal wie gut die Prognose ist. Ich habe das Gefühl, dass die Medien so prägen, dass z.B. Hodenkrebs nie in ein Film schaffen würde, weil die Heilungschance einfach bei 95% liegt und die Behandlung so kurz ist, dass es sich gar nicht lohnt da ein Leben aufzugreifen. Dass aber der Mensch dahinter trotzdem so viel Angst hat, wie als würde er eine andere schwerwiegende Krebsform haben, ist da sehr bezeichnend. Ich möchte nicht die Angst des Einzelnen schmälern, es wäre nur schön wenn sie etwas realistischer wäre und die Menschen nicht an diesem Bild so unnötig leiden müssten. Natürlich ist es auch leider so, dass es nicht für alle gut aussieht und viele an Krebs sterben. Nur möchte ich lieber am Leben festhalten und das hervorheben was über-lebt und wie man es bewältigen kann! Natürlich hat beides Berechtigung ich finde es nur ziemlich unausgeglichen. Das Leben mit der Angst ist noch ein anderer Punkt den ich bestimmt noch mal in einem anderen Beitrag aufgreife.

Radieschen

Die Radieschen von unten sehen!

Ich mache mir also Gedanken darüber was mir wichtig ist. Wenn man selbst betroffen ist, empfindet man es anders als ein Außenstehender und selbst dann empfindet man es ganz subjektiv für sich. Ich denke das ist mit einem endgültigen Ergebnis genauso. Ich weiß nicht wie ich mit einer solchen Situation umgehen würde, so etwas kann man sich nie vorstellen, bis man drin steckt. Ich habe mir aber vorgenommen, das Leben so lange zu leben wie es geht. Nicht vorher aufgeben, denn ich glaube den größten Verlust spüren wir dann, wenn wir darüber nachdenken was wir alles nicht mehr erleben könnten, wenn wir abtreten müssten. Ich denke, jetzt da ich mein Leben viel wertvoller sehe, kommt es nicht auf die Anzahl der Jahre an, sondern die Qualität wie wir sie nutzen. Sonst steht man irgendwann da und bereut es, dass man xyz nicht gemacht hat, doch auch dafür ist es dann immer noch nicht zu spät und wenn dann macht das Bestmögliche daraus! Ich will mich nicht mehr mit irgendeinem Job zufrieden geben, ich will alles auskosten, leben und es auch genießen. Es ist einfacher gesagt als getan doch ich Kämpfe dafür! Ich glaube ich habe das Ausmaß gar nicht vollends begriffen- wahrscheinlich ist das auch gut so 😀 sonst würde ich ja verrückt werden.

Ich habe da einen riesigen Respekt vor den Personen die Freunde, Verwandte oder erkrankte Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten und alles mögliche tun um die Lebensqualität bis zum Schluss oben zu halten. Es geht auch ums Sterben, denn das tun wir alle, doch ich denke das wichtigere ist, den Weg dahin zu gestalten. Und ich glaube die meisten Menschen, worunter ich mich ebenfalls zähle haben eher Angst vor dem WIE und das ist leider ungewiss.

Sprüche, die wir uns auf der Zunge zergehen lassen sollten!

Er/sie hat denn Kampf gegen den Krebs verloren!

Ja, Krebs kann ein Kampf sein, wenn man ihn zum totalen Gegner deklariert. Ich kann für etwas kämpfen und ich kann gegen etwas kämpfen. Ich habe mich für das Leben entschieden, um den Krebs kümmern sich die Ärzte. Ich bemühe mich also mein Alltag und meine Zukunft so lebenswert wie nur möglich zu gestalten und den Krebs nicht zu fokussieren. Ich tue etwas für meine Gesundheit um mein Immunsystem gegen die Nebenwirkungen und den Krebs zu stärken. Ich tue etwas für meine psychische Stabilität. Ich widme mich denn positiven Dingen und nehme Krebs als ein Teil von mir wahr. Zumindest mindert das die Anstrengung, dass ich gegen mich selbst ankämpfen muss. Wenn man etwas ablehnt dann fallen einem auch nicht so viele schöne Dinge ein, wenn man sich nur auf das Schlechte konzentriert.

Wenn ich höre, dass jemand den Kampf verloren hat, obwohl dieser so scheinbar sein Leben gelebt hat, dann frage ich mich was er verloren hat? Ja, das Leben, dass was diese Person noch gehabt hätte. Aber für mich besteht das verlieren eigentlich darin, dass man sich schon vorher aufgibt. Er oder sie hat doch den Kampf nicht vorher aufgegeben. Vielleicht ist das auch mein klammern ans Leben und dieser Satz mit „Kampf verloren“ kommt für mich, einfach zu sehr aus dem Krieg. Wenn man sich für das Leben entscheidet und es so lange wie es geht lebt, dann hat man einfach nichts verloren, dann geht es einfach zu Ende!

Ich habe da mehrere Frauen die ich kenne die mit Metastasen leben und sie geben sich und ihr Leben nicht auf. Hut ab! Natürlich geht man verschiedene Emotionen durch und wie oben schon erwähnt sieht vielleicht auch alles anders aus, wenn man selber drin steckt aber so wie ich mich kenne (z.B. in Bezug zu meiner Mastektomie) werde ich das nicht groß anders sehen.

Ich glaube, ich bin krankhaft optimistisch und vielleicht gibt es in Zukunft noch Lebenserfahrungen, die mich in diesem Denken verändern, festigen oder lockern. Es ist nicht mein persönliches Totschlagargument. Und jetzt hatte ich persönlich stellenweise Pippi in den Augen :’D. Es ist halt kein einfaches Thema und Traurigkeit gehört dazu, denn durch die Traurigkeit erfahren wir erst, wie wichtig uns die Dinge sind. Wir sollten uns nur in den Momenten in denen es uns gut geht über diese Themen nachdenken. Ich will auch einfach nichts mehr dem Zufall überlassen.

Und hiermit meine letzten Synonyme:

Hunde

Vor die Hunde gehen, das Zeitliche segnen, über den Jordan gehen, den Kampf verlieren, hopsgehen!

Ende!

Liebe Grüße und bis zum nächsten Beitrag

eure Onko!

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