Heute trage ich Brüste!

Trage ich heute schwarz, sommerlich, meine Lieblingsklamotten, Brüste oder nicht? Da liegen sie, zwischen den BH’s und Socken. Sie lachen mich an, denn meine Epitesen gehören nun zu meinem Leben dazu. Heute fühle ich mich nach ohne, dann bleiben sie heute einfach weg oder eher nicht?

Epitesen

Epitesen sind in unterschiedliche Größen erhältlich!

So oder so ähnlich könnte es tatsächlich in einem halben bis dreiviertel Jahr sein. Für alle, die zum ersten mal hier in meinen Blog sind, ich habe eine beidseitige Mastektomie hinter mir. Eine Seite wurde vorsorglich gleich mit einem Implantat befüllt, die andere Seite war keine brusterhaltende OP. Ich habe also eine flache Seite.

 

Aus diesem Grund bin ich seit längerem am Überlegen. Welche Seite von mir finde ich schöner, wie erlebe ich mich nun mit einer einseitigen Brust, was macht es mit meinen Vorstellungen von Weiblichkeit und wie wirkt eigentlich meine noch vorhandene aber implantierte Brust auf mich. Es sind viele verwirrende Gefühle, die ich da in mir habe und ich kann noch nicht alle genau verstehen. So etwas braucht Zeit.

Ich merke nur immer mehr: Brüste werden überbewertet. Wenn es um die weiblichen Formen geht, werden sie meistens als der optische Hingucker genommen. Sie werden sexualisiert. Das fängt schon damit an, dass man am Anfang seiner Behandlung seine blanken Brüste den Ärzten, Schwestern und Studenten in ihrer Ausbildung zeigt und vorher peinlich berührt ist oder eine Scham empfindet. Vielleicht ging es da auch nur mir so aber nachdem ich nun seit Beginn meiner Diagnose sicherlich von über 20 Leuten mit nacktem Oberkörper gesehen wurde hat sich das Gefühl, von „Oh Gott, ich muss jetzt meine Brüste zeigen“ zu „Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“ gewandelt. 😀 Am meisten merkt man es bei Sauna-Gängen, da ist jeder Nackt und es kümmert keinem wie der andere Mensch aussieht. Ist man mal im gewöhnlichen Schwimmbad achtet man tierisch drauf ja nicht vom anderen oder gar gleichen Geschlecht nackt gesehen zu werden.

Zurück zu den Brüsten!

Vor allem verliert man nicht unbedingt sein Weiblichkeitsgefühl, wenn eine Busen verloren geht oder zwei. Ich kann da nur von mir reden. Das hängt auch davon ab, wie stark man sich vorher bereits wahrgenommen hat und ob man auch schon vorher evtl. die Brüste als den größten Part ansieht, was die eigene Weiblichkeit ausmacht. Es kommt auch darauf an ob man dann auch ohne Brüste vom Partner attraktiv gefunden wird und man selbst beginnt sich attraktiv zu finden. Ich habe für diese Frauen leider keine Antwort ich habe nur für mich eine. Aber vielleicht kommt man ja ins Gespräch. :).

Erstmal war es für mich scheinbar furchtbar meine Brust verlieren zu müssen. Es war gleichzeitig auch dieser zukünftige Kontrollverlust über meinen eigenen Körper. Auch wenn ich mir mein ganzes Leben nie wirklich große Gedanken über meine Hupen gemacht habe. Das nun jemand Fremdes über meinen Körper entscheidet und das aufgrund dieses blöden Tumors war eine anstrengende Phase. Ich habe es lange verdrängt, bis es dann nicht mehr ging. Habe dann Infohefte gewälzt, um mir immer wieder bewusst zu machen, dass es möglich ist eine Brust nachzukonstruieren. Es gab mir Sicherheit einfach die Möglichkeiten zu sehen und das Pro und Kontra der einzelnen Methoden abzuwägen.

Dann hatte ich plötzlich eine Brust weniger und die andere befüllt mit einem Silikonimplantat. Es war eine anstrengende OP und ich habe tatsächlich „Trennungsschmerzen“ erlebt, denn da war plötzlich ein Körperteil weg, der sonst einfach dahin gehörte. Außerdem merkt der Körper selbst diesen großen Eingriff und ist erschöpft. Ich habe mich beim Artikelschreiben ausgeheult und seitdem meinen Verlust der Brust nicht mehr beweint. Vielleicht tue ich das noch aber ich habe nicht das Gefühl. Nach der OP habe ich einen Brustgurt bekommen, damit das Implantat richtig liegt und auch ordentlich verkapselt wird.

Aktuell befinde ich mich in Bestrahlung 8 von 28, ich bepudere mich jeden Tag auf der Fläche wo einst meine Brust und Schakeline war. Ich sehe also tagtäglich, wie die Narbe besser verheilt. Am Anfang war es befremdlich, von vorne sah es noch sehr krass aus aber von oben nach unten empfand ich es nicht als hässlich, auch nicht als entstellt. Es war anders, spannend und abgerückt von meinem gewohnten. Es sieht sehr männlich aus aber ich mag irgendwie dieses gerade. Außerdem fühlt sich die Hautoberfläche bis auf einige Taube stellen sehr normal an. Außerdem stehe ich auf Männer, sich dann selbst so halbwegs mit einer guten schlanken Figur zu sehen, war zudem auch eher eine positive Erfahrung. Ich nehme es einfach mal so: Anstatt andauernd seinen Verlust zu beweinen schaue ich eher was ich gewonnen habe.

Ein Aufbau der Seite wegen dem straffen Gewebe kommt für mich nicht in Frage. Ich habe keine Lust auf einen Aufbau, nur um mich an irgendeinen Anspruch der vermeintlichen dazugehörigen Weiblichkeit zu richten. Vor allem muss ich die Bestrahlung abwarten und wenn ich mich doch noch für einen Aufbau entscheide, kann es sein, dass die rechte Seite angeglichen werden müsste/sollte/könnte/. Das steht ja auch noch offen.

Ein Silikonimplantat in der Brust ist zwar nachgiebig aber trotzdem fest. Die Brust fühlt sich einfach anders an und wenn Frau auf dem Rücken liegt, dann bleibt die Brust auch einfach so in der Position stehen. Da rutscht nichts nach links oder rechts. Es sieht gut aus aber auch nicht so richtig natürlich. Auch sieht man die feinen Narben, welche ich immer noch mit Klebestreifen zusammenhalte, damit sie nicht in die Breite gehen.

Es ist halt alles sehr merkwürdig aber so langsam gefalle ich mir. Ich ertappe mich immer mehr mit dem Gedanken, wie es wäre mal wie ein Mann nur mit Shorts im Schwimmbad rumzuhängen, weil da einfach nichts hängt :D. Ich kann auf BH’s verzichten und spare Geld. (Dafür kosten die mit den Stofftaschen für die Epitesen sehr viel) Ich habe die Möglichkeit zum Cossplay in Männerrollen zu schlüpfen ohne meinen Oberkörper präperieren zu müssen. 😀 Ich weiß nicht was es ist aber es tut irgendwie gut, das zu sein was man ist, anstatt darauf hinzuarbeiten ein Bild zu erfüllen. Es fühlt sich leichter an und wenn es sich leichter anfühlt ist es doch besser.. vor allem weil es für manche Frauen so schwer ist ohne Brüste zu sein. Also die Persönlichkeit macht mich ja aus und in den Körper wird man reingeboren. Vielleicht bin ich auch einfach bisher prüde gewesen oder es ist ein ganz anderes Thema.

Das alles in meinen Kopf zu kriegen ist echt viel und ich fühle mich da selbst noch irritiert. Tja, das Leben ist schon merkwürdig vor allem mit den ganzen Stereotypen die wir haben.

Mal sehen, auf welche Antwort ich dann in einem halben bis 3/4 Jahr komme.

Liebe Grüße

Eure Onko

 

Dieser Beitrag wurde unter Körper, Therapie, Willkommen im neuen Leben abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Heute trage ich Brüste!

  1. Budenzauberin schreibt:

    Hi Onko. 🙂
    Deine Art zu schreiben gefällt mir sehr und ich empfinde das alles auch sehr ähnlich, auch wenn es bei mir erstmal noch um den anderen Teil der sogenannten „Weiblichkeit“ geht. Falls aber das, was Dir da passiert ist, auch mal auf mich zukommt, so bin ich mir sicher: ich werde sehr ähnlich fühlen wie Du.
    Viele Grüße,
    Steffi

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    • onkobitch schreibt:

      Ja, schau was auf dich zukommt bei mir war der Grund der straffen Haut, das mein Tumor zu dicht an der Unterseite der Hautoberfläche war. Was steht bei dir an bzw. Wo in der Behandlung bist du jetzt?

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      • Budenzauberin schreibt:

        Ich bin’s, Steffi 😉 Ich bin ja BRCA2-Trägerin und hoffe natürlich, daß das NICHT auf mich zukommt. Aber wenn…dann werde ich da wohl eher keine Probleme mit haben. 🙂

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  2. onkobitch schreibt:

    Hey Steffi, die Vererbung hat keinen Einfluss darauf wie die Ärzte operieren. Es richtet sich eher nach der Größe des Tumors und das betroffene Gewebe. Die Ärzte haben auch immer einen bestimmten Abstand, den sie mit aus dem gesunden Gewebe herausnehmen um ein Rezidiv so gut wie möglich zu verhindern. Die Vererbung beeinflusst aber den Therapieverlauf sowie die Nachsorge- möglich auch zusätzliche Operationen. Aber hier bleib bei deiner ganz persönlichen Therapie 🙂

    Ich drücke dir die Daumen, dass alles gut verläuft. Lg Onko

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  3. unfuckingfassbar schreibt:

    hey onko,
    sehr guter und auch inspirierender beitrag! mich selbst trifft keine mastektomie, aber natürlich hat man alle gedanken durch bis der gentest fertig ist und auch jetz kurz vor meiner op ist noch nicht ganz klar wie der rechte mops operiert wird. du hast eine sehr bewundernswerte einstellung ☺ alles gute weiterhin!
    lg daniela

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    • onkobitch schreibt:

      🙂 Ich wünsche dir das beste Ergebnis, dass bei dir möglich ist!! 😀 Ich glaube alles andere wäre nicht realistisch genug. 😀 Lass dich ja gut informieren wie deine OP sein soll. Ich finde zu wissen was passiert bringt einem auch Sicherheit und ruhe. Ich musste auch warten, wie meine Nachsorge richtig feststand. Das hat die Tumorkonferenz bei mir auch mit allen Ergebnisse der Chemo, OP und Gentest festgelegt. Also auch nicht unsicher werden, wenn es noch offen. So lange es auf dich angepasst ist. Natürlich solltest du dann noch Bedenkzeit haben. (Schön einfordern:D) lg onko!

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