Kalte Hupen und offene Entscheidungen

Nach einem Jahr komme ich auf das Thema der defekten Hupen zurück, denn ich hatte am Dienstag ein Gespräch mit meinem Chirurgen, der für meine Mastektomie zuständig war.

Nach meiner Tumor-OP ist ja nicht mehr alles so wie es vorher war hing, auch wenn ich kaum noch etwas darüber geschrieben habe. Während die linke Seite eher der männlichen Brust ähnelt, sieht mein rechter Busen (bis auf die Narben) wohl geformt aus.

Ein Implantat scheint für manche Länder etwas gewöhnliches zu sein. Aus den Medien kennt man ja die Brüste in unterschiedlichen Größen, prall gefüllt und knapp verpackt. Nachdem meine gesunde Brust vorsorglich mit einem Implantat bestückt wurde kann ich nicht nachvollziehen wie Frau sowas in der Größe mögen kann. Die meiste Zeit hatte ich den Eindruck beim Aufwachen einen fleischfarbenen Eisberg am Horizont zu sehen, der unnachgiebig in den Himmel ragte. Eisberg, weil die Haut über dem Implantat, dauerhaft kühler als meine flache Seite ist. Dann kommt hinzu, dass die Gefühlsentwicklung langsam von statten geht. Da wo die Narben sind, direkt am Brustwarzenvorhof sowie links und rechts daneben (2 cm Länge) fühle ich sehr wenig. Die Brustwarze hat zwar eine beschleunigte Reaktionsgeschwindigkeit aber gefühlsmäßig ist sie ziemlich abwesend. Wer weiß ob sich das noch regeneriert.

FädenIch war vorgestern also bei meinem Spezialisten um mir seine Fachmeinung einzuholen. Denn nach einem Jahr, nun ohne den Druck der Lebensbedrohung durch Schakeline zu haben, kann ich mir in Ruhe Gedanken um einen Brustaufbau machen. Ich sehe manches auch weniger bissig und etwas entspannter. Seine Meinung war es, dass Frauen in meinem Alter ein Aufbau bevorzugen und er mir dies so empfiehlt. Dies würde mindestens sechs Monate dauern. Dabei wird die gleiche Narbe aufgeschnitten und ein Expander unter die Haut gesetzt. Dieser wird dann in einem vierwöchigen Rhythmus mit bis zu 50 ml Kochsalzlösung gefüllt. Dies wird so lange gemacht, bis die Größe sich der rechten Brust angepasst hat. Zum Schluss wird dann das Silikonimplantat eingesetzt. Sollte es mir dann nicht gefallen, kann ich immer noch eine Abnahme durchführen lassen.

Ein Abbau kommt seiner Meinung nach nicht in Frage, da sich viele junge Frauen früher oder später für einen Aufbau entscheiden. Insgesamt würden mehr Operationen zukünftig auf mich zukommen, wenn ich meine gesunde Seite ebenfalls abnehmen lassen würde und ich mich in fünf oder zehn Jahren dann für eine Aufbau entscheide.

Warum denke ich dann überhaupt darüber noch nach und mache es nicht einfach?! Weil der Aufbau eine Prozedur mit Unannehmlichkeiten ist, der über eine längere Zeit andauert und ich das Ergebnis nicht kenne. Weil ich nicht weiß, ob das Straffen der Haut nicht doch schmerzhaft ist. Weil ich mich damit abgefunden habe, dass das was ich jetzt habe ein Teil von mir ist. Weil auch die flache Seite mehr Gefühl entwickelt hat, als die gesunde Seite mit dem Implantat.

Das Implantat fühlt sich für mich als ein Fremdkörper an. Dadurch dass ich Schlank bin merke ich das ziemlich. Grund für eine Abnahme besteht darin, dass ich mich ohne den Fremdkörper auch wohl fühlen würde. Ich hätte auch die Möglichkeit mich und meinen Körper von ganz neuem wahrzunehmen/kennenzulernen. Ich bräuchte mir nicht unbedingt einen BH anziehen. Ich kann somit meinem Lymphodem an den Schultern entgegenwirken. Sport wird einfacher, da beim Training die Hupen nicht in den Weg geraten. Außerdem habe ich kein Gefühl in der Brustwarze und ob das zurückkommt ist fraglich.

Optik ist für mich nicht so wichtig, vielmehr zählt mein Lebensgefühl.

Wenn ich dann wieder eine Brust habe, habe ich eine Brust doch wie vorher wird es auch nicht. Egal in welche Richtung meine Entscheidung geht, sie ist nicht einfach zu fällen und im Moment fühle ich kein Leidensdruck. Das macht es halt etwas schwieriger.

Fackt ist: In einem halben Jahr habe ich ein neues Gespräch. Dass ich mich nach dem Termin nicht entscheiden kann frustriert mich sehr, ich habe meine Geduld und Hoffnung hineingelegt, dies danach zu tun. Mich entscheiden.. Auch die Voreingenommenheit mir gegenüber fand ich doof (im Nachhinein verständlich).

Also meine Aufgabe wird es sein mich nun aktiv um meine Entscheidung zu kümmern, jetzt wo ich die Fakten habe. Dafür habe ich meine Freunde, meine Psychologin und evtl. eine 2. Meinung eines anderen Facharztes!

Unentschlossene Grüße

Eure Onko

 

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3 Antworten zu Kalte Hupen und offene Entscheidungen

  1. MaiRose schreibt:

    Hey… Das klingt nach einem heftigen Weg, den du noch vor dir hast.
    Ich wünsche dir viel Kraft bei deiner Entscheidung, wie du es machen möchtest. Oder besser, wie DU DICH gerne haben möchtest, sehen möchtest! Es nicht leicht so eine Entscheidung zu treffen. Ich hab es mir auch nicht leicht gemacht. Bin aber sehr froh mit meiner Entscheidung. Und das wirst du auch, wenn es soweit ist!
    Fühl dich gedrückt von mir 💋

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  2. Tidirium schreibt:

    @mairose … mittendrin! 😉 @onko Ganz toller Artikel! Dein Mut ist wirklich beeindruckend und Optik ist NICHT das Hauptkriterium, sei Du selbst und fühl Dich frei! 🙂 *knuddel*

    Gefällt 1 Person

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