Will ich das überhaupt wissen?

Diese Frage stelle ich mir immer, wenn ich die Packungsbeilagen von Medikamenten auseinander falte. Natürlich muss ich wissen, ob es bestimmte Auswirkungen auf meine Gesundheit hat, vor allen Dingen, wenn ich freie Medikamente aus der Apotheke hole.

Am Ende des Durchlesens versucht man vergeblich den Beipackzettel wieder zusammen zu falten und STOPFT IHN GENERVT IN DIE SCHACHTEL! Dafür müsste es mal eine Faltanleitung geben!

Mit der Krebsdiagnose bekommt die Titelfrage nochmal eine andere Bedeutung. Erst vor ein paar Tagen ist mir in einem Gespräch mit einer Patientin aufgefallen, dass es nicht für jeden gut ist vieles sofort zu wissen. Zuerst befindet man sich in einer Schocksituation. Die Bilder und tief verwurzelten Vorstellungen von der Erkrankung spuken da plötzlich durch den Kopf. Man muss sich plötzlich mit einer Krankheit befassen, die man nicht immer spürt und trotzdem zum Tod führen kann. Will ich dann wissen was in meinem Körper passiert? Will ich wissen wie meine Operation verläuft?; welche Auswirkungen die Chemotherapie und die Bestrahlung auf mich haben wird?

Mit den Antworten kommen dann Vorstellungen, die man sich ja doch nicht vorstellen kann. Einige meiner Freunde erzählten mir von ihrer Chemotherapie und die war alles andere als schön. Da bin ich im Endeffekt sogar besser weggekommen. Also lieber ohne ein tiefen Blick in die Nebenwirkungsliste? Die wichtigsten wurden mir genannt und ich musste auch eine Schrieb zur Behandlung und der Medikamente unterzeichnen. Erst mit der zweiten oder dritten Chemo habe ich mich dann bewusst an die Informationen ran getraut.

Es stellt sich die Frage, was das Wissen mit mir macht, wenn ich es habe. Jeder verarbeitet eine Krebserkrankung anders. Das ist abhängig von der Biographie, von der Psyche, wie wir mit Erkrankungen und vor allem mit dem Thema umgehen. Dann gibt es auch noch den Einfluss von Familien und Freunden.

Es ist eine Gratwanderung zwischen dem, nicht aufnehmen können (1); dem nicht wissen brauchen(2); und dem nicht wissen wollen, es aber irgendwie doch brauchen um sich zu beruhigen(3).

(1) Für mich war es schon zu Beginn wichtig zu wissen was mit mir passiert, weil ich von meiner ersten Gynäkologin so hängen gelassen wurde. Nicht zu wissen ob ich Metastasen habe oder nicht war auch ziemlich schwer. Mein Motto war: „Egal was bei der Untersuchung raus kommt, es ist bereits da.“- Eine Untersuchung bringt nichts neues hervor, sondern stellt die Tatsachen bzw. den ist-Zustand dar-. Ich fand es dann aber auch sehr interessant zu erfragen, wie die Technik funktioniert oder wie welche Untersuchung für was gemacht wird. Die Erkrankung auf medizinische Weise zu durchleuchten hat sie zum einen Kontrollierbarer und vor allem zu etwas gemacht, das ich mit gestalten kann.

(2) Ich weiß zum Beispiel nicht wie jedes einzelne Medikament heißt das ich während meiner Chemotherapie bekommen habe. Klar war, dass ich Carboplatin zum Ende hin bekommen habe, weil da mein Ergebnis der genetischen Untersuchung herauskam. Dann gibt es das rote Zeug- nein kein Blut,- dessen Namen ich mir nie gemerkt habe. Ich weiß von einem Blasenschutzmittel, Kochsalzlösung zum Spülen, Kortison und etwas gegen allergische Reaktionen- davon bin ich nach mindestens 10 Minuten eingeschlafen. Mir war das nicht wichtig, Hauptsache es hilft.

(3) Manche können es aber gar nicht ertragen alles ins Detail zu erfahren. Manchen macht das Wissen Angst oder -so erging es mir- verspüre Nebenwirkungen, weil ich während einer 3stündigen Chemo-session Mitpatienten gezwungenermaßen belauscht habe, wie sie sich über ihre Nebenwirkungen ausgelassen haben. Denn wenn sie einmal im Bewusstsein sind, dann spielt der Körper und das Hirn gerne mal was vor und bildet sich was darauf ein.

Vor allem vor der Brust-OP hatte ich Angst. Ich habe mir die Infobroschüren ins hinterste Regal gestellt. Über Monate hinweg bis zur vorletzten Chemotherapie habe ich mich nicht darüber informiert welche Operationsmethode ich bevorzuge und was gemacht werden soll. Erst als ich wirklich wusste, dass mir diese Unwissenheit zu schaffen machte, konnte ich es ändern.

Die Frage ist: welche Möglichkeiten der Wissensaneignung habe ich und was reicht für mich aus um mich in meiner eigenen Geschwindigkeit an das Thema ran zutrauen. Schließlich muss ich meinem eigenen Tod in die Augen blicken, das erfordert MUT.

Schwierig ist es in diesen Momenten selber einzuschätzen wie viele Informationen man verträgt. Man kann den Arzt darüber informieren einem die wichtigsten Aspekte zu erläutern. Am Anfang der Diagnose bekommt man nur einen Bruchteil von dem ganzen mit, weil häufig eine Überforderung da ist.

Ich denke aber dass Informationen notwendig sind, wenn Aufgrund von Wissensmangel Unsicherheiten entstehen, die aber zu einer Sicherheit für die Person führen würde. Aber woher soll man in seiner Schocksituation wissen was einem Sicherheit gibt? Aus diesem Grund gibt es Ärzte, Krankenschwestern, Breast Care Nurses, Psychologen, Sozialarbeiter und Familienangehörige oder Freunde. Sie helfen einem Entscheidungen zu treffen, Informationen zu behalten und zu gewinnen. Das wichtige dabei ist, mit ihnen zu reden und die eigenen Schwierigkeiten zu benennen, damit sie wissen was ich brauche.

Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass es gut ist offen zu sagen was man hören will und was nicht. Was einen belastet. Über seine Ängste zu reden ist nicht einfach aber wenn man erst einmal einen Rahmen für sich zu gelegt hat, können auch andere besser auf einen reagieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dadurch auch die Hilflosigkeit des Partners oder der Freunde gesenkt wird und sie wissen was sie tun können.

Bei Risiken und Nebenwirkungen plagen sie ihren Arzt oder Apotheker!

Eure Onko

 

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