Die Verdrängung: Schwester von Tabu

Die Verdrängung ist die Schwester des Tabus und das Problem an dem Tabuthema Sterben ist, dass wenn man eine Krankheit erst einmal verdrängt, das Leben einem plötzlich auf den Kopf fällt. Dann hat man keine Möglichkeit den Tod in den Hintergrund zu schieben, weil so vieles ungeklärt ist.

Es klingt vielleicht hart aber so kommt es mir vor. Ich habe viel drüber nachgedacht.

Ich habe viel mit meiner Onkopsychologin über das Verdrängen aber auch das Wegschieben gesprochen. Beim Verdrängen schieben wir ein Thema komplett bei Seite. Wir nehmen etwas nicht wahr und irgendwann  fällt es uns auf den Kopf. Bei einem Wegschieben, ziehen wir die Kiste hervor und nehmen wenn auch nur Stück für Stück ein bisschen für uns an. Ich lernen mit der Erkrankung umzugehen und sie anzunehmen.

Die Mutter der Verdrängung ist die Mauer, die wir hochziehen. Sie beschützt uns unabdingbar. Sie verhindert alles Schlechte aber auch das Positive kommt nicht mehr durch. Eine Mauer die wir aufbauen ist undurchlässig. Wir verhindern damit auch die positiven Dinge rein zulassen. Man weiß ja schließlich nicht wer hinter der Mauer steht und rein möchte. Es ist ein Schutzmechanismus aber bei manchen Dingen stürzt das gesamte Haus ein.

Als Alternative dazu gibt es das Wegschieben. Wir bauen eine kurzfristige Mauer hoch, die aber eine Tür hat, die wir entweder in der Zukunft wieder aufschließen oder im Verlauf ab und zu öffnen um einen Blick auf die andere Seite zu erhaschen.

Vielleicht ist das der Moment, wenn wir traurig sind obwohl, dass was wir gerade erleben schön ist. Weil wir eben die Schattenseite, den Verlust durch unsere Erkrankung oder anderes wahrnehmen. Man kann in einer Erkrankung nicht immer Positiv denken, das ist nicht gesund. Wichtig ist es irgendwann realistisch zu denken und beide Seiten zu beleuchten. Erst wenn ich die Schattenseiten anerkenne, kann ich alles in meiner Macht stehende tun um das Übel abzufedern, um meine Lebensqualität erhalten zu können.

Denn das Fatale was ich bemerkt habe, die eigene Mauer nimmt man vielleicht als Befreiung war, doch neben missachteter Hilfe, Lebensqualität- und Zeit leiden vor allem Angehörige darunter.

Wie soll man Fragen, wenn es keinen Anhaltspunkt gibt, was man sagen darf oder nicht? Wie soll die richtige Hilfe angeboten werden, wenn der Mensch jegliche Hilfe ablehnt weil er sich mit seiner Erkrankung nicht auseinandersetzen kann und will. Jede Vorbereitung auf das Altern und die Hilfsmittel die noch kommen, werden nicht genutzt.

Ein Tabu kann soweit gehen, dass alle gelähmt sind aus Angst etwas falsch zu machen und gegen die Wünsche des anderen zu handeln. Es geht soweit, dass im Grunde nur von Notarzt oder Arzt zu Arzt-aufnahme reagiert wird, weil ein Leben mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung nicht vorgesehen ist. Es herrscht Verwahrlosung, weil man meint noch die Zügel in der Hand zu halten und keinen damit beschäftigen lässt, wann der richtige Zeitpunkt für Hilfe von außen nötig ist, weil die Person, die es braucht es nicht sehen will und nicht kann.

Mauern verkürzen das Leben.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit noch bleibt, wann die Zeit kommt sich zu verabschieden. Ich weiß nicht wie ich der Person gegenübertreten kann, weil sie keine Themen hat über die wir uns noch unterhalten können. Weil ihre Mauer schon so hoch reicht, dass sie das Leben aussperrt. Anstatt zu telefonieren gibt es auch keine SMS mehr. Resignation auf allen Ebenen. Und dabei gibt es so viele Möglichkeiten mit der chronischen Erkrankung umzugehen. Das wichtigste was ihr vielleicht fehlt ist das innere Empfinden etwas für sich tun zu können oder zu wollen.

Wenn dir jemand sehr nahe steht schockt das ungemein. Mich macht es hilflos und unfassbar traurig, weil ich komplett der andere Mensch bin. Weil ich in einer ähnlichen Situation stecke und alles komplett anders mache. Vor lauter Angst die Person zu verlieren habe ich schon gar kein anderes Gefühl mehr als schon vorab einen Verlust zu verarbeiten, weil es bei ihr keinen Raum dafür findet. Nichts fängt mich auf nur die Gewissheit, dass sie sich diesen Umgang selbst gewählt hat. Sie für sich selbst verantwortlich ist. Es ist ihr Leben. Vieles ist scheinbar auch falsch gelaufen, seitens der Beratungen, der Informationen, vielleicht auch nicht, vielleicht wollte sie es auch gar nicht hören. Ich war nicht dabei, kann es also nicht wissen. Lebe soweit weg und habe auch gar nicht die Kraft mich so da rein zu knien. Vor allem dachte ich, dass die Person alt genug ist Verantwortung für sich einzunehmen. Aber die Mechanismen sind da stärker. Und Hilfe holen bedeutet auch Hilfe annehmen zu können.  Ich kann nicht helfen, weil ich selbst mit mir beschäftigt bin. Ich habe nicht die Energie.

Da gibt es auf jedenfall auch ländliche Unterschiede. Vor allem wenn man palliative Pflege und Medizin schon als den letzten Schritt ansieht. Dabei ist dies die Pflege und Betreuung bei einer chronischen Erkrankung unabhängig vom Stadium. Es ist die Stabilisierung der Lebensphase, der Erhalt der Lebensqualität. Das macht mich so WÜTEND! Wenn so alte verkorkste verfu%§$ Rollen- und Gesellschaftsbilder die Lebensqualtiät herabsetzen und unterlassen. Wenn selbst Ambulante Pflegedienste noch dieses alte Bild bedienen. Es ist dann nicht sinnvoll jemand in die Palliativ-Pflege zu stecken, wenn die Person denkt sie geht zum Sterben dorthin.

In Anbetracht dieses echt harten Brockens. Ist es für mich zur Leichtigkeit geworden mich mit meinen Tod auseinander zu setzen. Ich will nicht, dass meine Freunde und meine Familie um mich herum diese Hilflosigkeit spüren, dass sie Zeit haben sich zu verabschieden. Das ich die Momente auskosten kann weil ich alles geregelt habe. Weil ich aus meinen 60-50 40% Lebensenergie immer noch 100% herausholen kann.

Denn es ist ein Trugschluss, dass man sein Lebensende nicht gestalten kann. Man kann nur nicht den Zeitpunkt wählen.

Ich will bestimmen wie ich bist zu meinem Tod leben will. Damit ich- soweit es möglich ist- meine Lebenszeit und Lebensqualität in einem gesunden Maße ausnutzen kann. Es geht um die Ansprüche die ich habe, wenn es mir in den verschiedenen Phasen unterschiedlich gut geht.  Wenn es schlussendlich der Nagellack ist, den ich im Grabe tragen werde oder zumindest auf meiner Beerdigung.

Mein Rat für Andere ist es, sich Rat bei Psychologen, Beratern oder Erfahrenen zu holen um sich den Ballast von der Seele sprechen zu können, Handlungsfähig zu werden oder einfach auch Grenzen stecken zu können. Mutig zu werden auch auf den Tisch zu hauen wo es hilfreich ist. Aber auch sich zu distanzieren. Bleibt nicht alleine mit diesem Umstand dem Tabu ausgeliefert zu sein.

Eure

Onko

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Eine Antwort zu Die Verdrängung: Schwester von Tabu

  1. Mandy schreibt:

    Danke für diesen weisen Artikel!

    Gefällt mir

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