Fettnapf: Aufmunterungen bei Krebs

Nichts kann so  kompliziert sein, wie die passenden Worte in einer schwierigen Lebenslage zu finden. Egal ob es sich jetzt um das Thema Krebs, andere Erkrankungen, das frische Single-dasein oder andere tiefere Einschnitte dreht. Überall gibt es Fettnäpfchen. Selbst mir als Krebsi fielen schon falsche Aufmunterungen aus dem Mund. Doch warum ist das so schwierig die richtige Wahl der Worte zu finden und wie findet man sie trotzdem!?

1. Krebs hat tausend Gesichter und ebenso viele Verlaufsgeschichten

Krebs heißt heute nicht mehr Krebs, bzw. sollte es meiner Meinung nach nicht. Es sollte so differenziert benannt werden wie es nun mal ist. Brustkrebs, Eierstockkrebs, Lungenkrebs, Hirntumor, Hautkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs etc. Denn zu jeder Erkrankung gibt es ein eigenes Konstrukt über die Lebenserwartung, Heilungschance und chronische Situation. Jeder erlebt die Erkrankung auch unter einem anderen Leidensdruck. Darüber hinaus entwickeln wir unterschiedliche Bilder über die jeweilige Erkrankung. Jeder Betroffene geht unterschiedlich mit der Erkrankung um und steckt in einer anderen Phase der Krankheitsbewältigung. Vor allem gibt es aber auch eine große Diskrepanz zwischen Patient und Angehörigen.

2. Tief durchatmen und bis 10 zählen

Ein Problem, dass ich von mir selbst kenne ist: Immer eine schnelle Lösung und/oder Antworten parat zu haben. Irgendwie habe ich selbst auch den Glauben gehabt, je schneller ich auf eine Frage oder ein Sachverhalt antworten kann, um so besser oder klüger bin ich. Das ist ein Trugschluss. Es kommt auf die Qualität der Antwort an und die braucht Zeit. Sie ist auch von verschiedenen Punkten abhängig.

3. Kenne die Person und deren Situation

Das wichtigste von allem ist. Kenne die Person und das Problem/die Erkrankung mit der du zu tun hast gut. Damit inbegriffen sind seine Ansichten und Lebensvorstellungen. Wenn wir nicht wissen wie ein Mensch tickt, dann können wir auch nicht die passenden Worte finden, die ihm Mut machen, bestärken, oder akzeptieren wie er ist.

4. Gehe nicht von dir aus!

Ja, das ist eine harte Nuss. Vor allem wenn man sich mit etwas nicht auskennt, versucht man nach ähnlichen Konstrukten oder Erfahrungen zu greifen um es nachzuvollziehen, was der Andere gerade durchmacht. Dadurch wird es nicht besser, im Gegenteil kann das ganz schön in die Hose gehen und macht mehr Missverständnisse. –> Für euch getestet!

5. Vergleiche die Person nicht mit anderen erkrankten Angehörigen oder Bekannten.

z.B. Mein Schwager hatte Darmkrebs und starb ein halbes Jahr später daran.

  • Frage gezielt nach den Therapieerfolgen, Heilungschancen und der aktuellen Therapiephase

6. Bewerte nicht aus deinen Wertvorstellungen heraus

  • Beispiel Haarverlust: Es gibt viele die darunter leiden. Aufmunterungen wie: sie wachsen wieder nach ist da wenig hilfreich, wenn mit dem Verlust mehr als nur die Haare flöten gehen. Es ist die gesamte Situation die sich in dem Haarausfall wiederspiegelt. Kontrollverlust, Lebensumsturz, keine Sicherheit, Krank aussehen, und die Angst davor wirklich Krank auszusehen.

 

Was also tun?

Frage die Person gezielt:

  • Wie geht es dir mit der Diagnose?
  • Wie fühlst du dich im Moment?
  • Was sind deine nächsten Schritte?
  • Wie kommt dein Kind/PartnerIn/Mutter/Vater damit zurecht

Gebe zu, dass du überfordert bist:

  • Ich weiß nicht was ich sagen soll, kann ich dir etwas gutes tun?
  • Ich habe Angst um dich und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll
  • Ich würde dir gerne Mut machen weiß aber nicht was du hören magst

Es geht auch:

  • Ich finde dich Bewundernswert, wie du mit deiner Erkrankung umgehst
  • Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft
  • Ich wünsche dir, dass die Therapie gut anschlägt.

Ein „No go“ ist:

  • du musst nur positiv Denken
  • du schaffst das schon
  • Die Metastasen werden auch noch verschwinden!
  • Gib nicht auf!

In einer chronischen Situation ist es Fakt, dass der Krebs gestreut hat und eine Heilung nur in sehr seltenen Fällen noch möglich ist (krebsinformationsdienst). Aus diesem Grund kann es sehr frustrierend sein, wenn eine falsche Hoffnung aufrecht gehalten wird. Mein Ziel ist es dann, mein Leben mit dem Krebs zu akzeptieren und es wieder als schön zu empfinden. Es ist also viel wichtiger, eine stabile Lebenssituation zu wünschen. Zumal man auch mit Metastasen leben kann.

Fallen euch noch positive und/oder negative Beispiele ein? Schreibt sie gerne in die Kommentare!

Liebe Grüße

Eure Onko

 

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5 Antworten zu Fettnapf: Aufmunterungen bei Krebs

  1. Flo schreibt:

    „Du musst jetzt kämpfen wie du noch nie in deinem Leben gekämpft hast!“
    „Wir beten für dich, dass du bald in den Himmel kommst!“
    „Krebs?!! [Verwandter X vom Bekannten Y] hatte „genau das Gleiche“ und ist 2 Monate nach der Diagnose gestorben!“
    „Du musst unbedingt zu [Wunderheiler/Quacksalber/Homöopath] dir [Zaubermittel] verschreiben und dein Mondchakras richten lassen, [Bekannter Y] wäre schon längst tot, wenn er nicht da in gegangen wäre!!!!!!11111!!!1elf11drölf!!“.
    „Am Ende wird immer alles gut. Ist es noch nicht gut, ist es auch noch nicht das Ende.“

    Gefällt 2 Personen

    • Der Feind in mir schreibt:

      Das habe ich auch gehört 😉 von unserem Chairman: „meine Frau hatte auch Krebs und ist nach drei Monaten gestorben.“ ich hatte niemandem gesagt, weshalb ich krankgeschrieben war – und kann mich glücklich schätzen, dass mich das nicht runtergerissen hat – ich meine, sowas sagt man doch keinem Krebskranken … ist ja nicht sehr taktvoll…am liebsten war mir, gar nix zu hören – vor allem kein Mitleid – deshalb hab ich‘s auch kaum jemanden erzählt

      Gefällt 1 Person

      • onkobitch schreibt:

        Ja, stell dir vor…meine Mum hat mir die ganzen Krebsfälle aus ihrer unmittelbaren Umgebung erzählt. Sie musste anscheinend meine „gutverlaufende Therapie“ mit dem worst case vergleichen. Das ist in der Tat sehr anstrengend. Ich habe zum Glück nicht so häufig Kontakt mit ihr gehabt.

        Gefällt 1 Person

      • Der Feind in mir schreibt:

        einigen fehlt das Feingefühl 😉 am liebsten waren mir die Freunde, denen ich es erzählt habe und die meinten, ich könne mich immer melden, wenn ich Hilfe bräuchte – aber nicht permanent nachfragten – unaufdringlich, unaufgeregt, aber ansprechbar

        Gefällt 1 Person

  2. Mina Pohl schreibt:

    „Ich habe gehört, daß Chemo gar nicht so gut sein soll“ (Meine Mutter)
    „Klar, sind sie unter Schock. Sie wissen ja nicht ob sie nicht zu denen gehören, die nach einem Jahr tot sind“ (Mein HAUSARZT)
    „Du mußt dich fragen was dir die Krankheit sagen will!“ (Eine wirklich gute Freundin die aber gerade ihren großen Fettnapfmoment hatte.)
    „Was macht du denn für Sachen?“ (Immer wieder)
    Und natürlich der Klassiker: „Die Haare wachsen ja wieder!“. (Mutter! Sie gehen bis zur Taille und nein, ich weiß gerade nicht ob sie wirklich wieder so lang wachsen. Zeit und so…)

    Gefällt 1 Person

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