Mach’s gut!

OstseeIch stehe im Wohnzimmer meines Elternhauses und blicke auf die Hülle meiner Mutter herab. Sie ist auch der Grund warum ich so lange nicht schreiben konnte, nicht wusste meine Gedanken zu ordnen und für mich Frieden zu schließen. Ich möchte auch meinen Blog fortführen und den positiven Dingen und dem was noch kommen mag einen Platz hier geben. Dies alles geht nicht ohne sie.

Als ich von ihrem Tod las, weil ich mein Handy nicht klingeln hörte, saß ich im Warteraum des Radiologen und trank Kontrastmittel für mein CT. Vielleicht hatte sie es geahnt, dass ich zu diesem Zeitpunkt leider dies grässliche Zeug ohne Sirup trinken musste. Auf jedenfall erhaschte mich der Schock just in diesem Moment. Ich stoppte meine Untersuchung damit ich am nächsten Tag mit meinem Partner nach Hause fahren konnte. Meine erste intuitive Reaktion: Erleichterung, danach kam die Traurigkeit.

Meine Mum hatte neben mir eine chronische Erkrankung namens COPD. Doch während ich offensiv und aktiv meine Krankheit bewältige, hat sie so Dickköpfig und Hartnäckig wie sie war, an ihren passiven und abwehrhaften Verdrängungsmechanismen festgehalten. Trotz vieler Aufmunterungen, Motivations Versuchen und Gespräche blieb sie sich treu. Das muss man ihr lassen. Der Rest aus Dorfkultur, Eitelkeit, ein veraltetes Behandlungssystem und die psychischen Auswirkungen der Erkrankung machte den Umgang ebenfalls schwierig.

Ich habe unter dieser Diskrepanz unserer Bewältigungsformen ein halbes Jahr lang ganz schön zu knabbern gehabt. Ich habe ja durch unsere Entfernung nicht viel mitbekommen. Am Ende war es eine Flucht nach vorne und in die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod und meiner palliativen Situation. Bis ich plötzlich vor gut 4 Wochen das Gefühl hatte meine Familie wieder besuchen zu können. Jetzt wo ich weiß worauf ich mich einlassen musste, würde es klappen. Doch zu einem Kontakt unter Lebenden kam es dann nicht mehr. (Zum Glück hörte ich sie noch zwei Tage zuvor am Telefon) Mir war es trotzdem wichtig sie zu sehen und ihr letztendlich all meine unausgesprochenen Gedanken an den Kopf zu werfen. Natürlich nett und freundlich! Schließlich war sie meine Mum :D.

Da lag sie also aufgebart im Pflegebett, regungslos mit dünnen grauen Haaren, die sie zu Lebzeiten so gerne färbte. Habe ich erwähnt, dass sie Eitel war?! 😀 Ja, ihr war es ziemlich wichtig. Ich habe ihr regelmäßig die Haare gefärbt, richtig mit Kamm und Pinsel. Danach schmierte ich mir die andere Hälfte der Packung auf den eigenen Kopf. Eine Zeitlang musste ich aufpassen, dass sie mir nicht andauernd die Frisur kopierte. Meine Chemomurmel hat ihr dahingehend nicht so gut gefallen wie mir. 😀 Ich kann mich noch an die Zeit erinnern als ich auf sie herauf blickte, irgendwann kippte dies und ich war diejenige, die sie bewunderte. Aber gut, nun schwelge ich tatsächlich in Erinnerungen!

Hatte ich Angst meine Mum tot zu sehen?

Nein, es war mir sogar sehr wichtig. Ich bin auch sehr froh, dass ich begonnen hatte mich mit dem (eigenen) Tod auseinander zusetzen. Und richtig bedeutsam war mir die Situation als ich vor meiner Mum stand. Da war kein Leben mehr, der Körper war still und reglos, fremd und kalt. Zu gleich war die Stube noch so voll von ihr. Es tat gut, ihr alles zu sagen was ich mir für sie gewünscht hätte. Gleichzeitig merke ich aber immer mehr, dass es so lief wie es lief. Ich kann nicht die Verantwortung von anderen Übernehmen und jeder muss einen Teil für sich tragen. Sie hat es dahingehend einem nicht leicht gemacht. Dafür muss sie es jetzt aushalten, dass ich über sie schreibe und auch mal meckere.

Wie fühle ich mich jetzt mit all dem!?

Am Anfang war ich vor allem wütend. Wütend darauf, dass sie mit einer guten Behandlung noch Lebenszeit hätte haben können. (Ob das wirklich so ist, ist in Ruhe betrachtet auch nicht so klar). Wütend darauf, dass sie so wenig zu lies und mich auch nicht darüber informierte, wie es ihr wirklich ging. Wenn man nämlich alles Verdrängt dann kann man auch keine Hilfe und Linderung annehmen, man muss sich dann immer gleichzeitig mit seiner Erkrankung auseinandersetzen.

Dann war ich erleichtert, dass sie nicht an einer Erkältung bzw. Grippe sterben musste und auch endlich ihr Leiden aufhörte. Sie war zu Hause und starb nicht alleine.

Ich bin aktuell etwas traurig, ich wünschte mir, sie hätte vor ihrem Tod noch mit sich selbst Frieden geschlossen. Ich hätte auch sehr gerne mit ihr über diese Dinge gesprochen. Meine Energie war aber selbst sehr begrenzt.

Natürlich springt das alles manchmal durcheinander. Jeder Abgang ist ein anderer, jede Verarbeitung läuft anders ab und braucht unterschiedlich lang. Das hängt nicht nur von dem Gesundheitszustand und dessen Verlauf ab, sondern auch vom Alter und der Todesart.

Das was mir aber sehr bewusst wird ist, dass der Tod, so wie er auch schlussendlich für meine Mum kam, nicht Angst einflößend war, sondern eher das was vorher passiert. Genauso wichtig ist sich ein Bild davon zu machen, wie man bis zu seinem Tod LEBEN will und kann.

Im Endeffekt rolle ich meine Augen, während ich mich an sonnigen Tagen besonders gerne an sie erinnere.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnt haben, dass ich zu ihrer Trauerfeier, ihr Leben mit meinem bunten Schal und meiner Alltagskleidung in dunklen Tönen zelebriert habe. Anstatt die Traurigkeit mit den Klamotten zurück in den Kleiderschrank zu hängen, war es mir sehr wichtig, ihre schönen Momente farblich wertzuschätzen und darüber hinaus ihren Tod als etwas natürliches in mein Leben zu etablieren, dass man nicht einfach so sein lässt. Außerdem muss man sich ja nicht in eine ohnmächtige Traurigkeit stürzen, wenn man eh schon traurig ist. Ich muss schließlich auch auf meine psychische Gesundheit achten. 😀

Bis zum nächsten Beitrag

Eure Onko

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