Des Schreibens große Kunst- Mein Text vom Literaturwettbewerb

Ausgenudelt hänge ich nun vom Wochenende erschöpft in den Seilen. Trotz meiner aktuellen Lebenssituation habe ich es mir nicht nehmen lassen nach Berlin zu reisen. Ich habe vergangenes Jahr an einem Literaturwettberwerb der Stiftung Eierstockkrebs teilgenommen und bin neben Sabine Dinkel! unter die Top 15 geraten. Aus diesem Anlass möchte ich euch nun endlich meinen lang aufgeschobenen Text nicht vorenthalten und euch diesen präsentieren. 

Chameloen

Lebensfreude: wie ein Chamäleon am seidenen Faden

Wie das vierbeinige Klettertier ist das Hochgefühl auf den ersten Blick im Dschungel des Lebens nicht zu finden. Man könnte auch meinen, man sähe vor lauter Lianen den Tropenwald nicht- ganz zu schweigen vom Chamäleon selbst. Während wir noch in unserer Kindheit die Farben der Lebensfreude täglich und unbeschwert in seiner reinsten Form erblicken, verblasst diese mit steigender Verantwortung für seinen Platz im gesellschaftlichen Leben.

Die Menschen haben scheinbar ihr Lebensfreude verloren, reihen sich doch Ratgeber, Do-it-yourself-Hefte oder Malbücher zur inneren Zufriedenheit und Ruhe in den Bücherregalen. In einer gehetzten Zeit sind wir auf der Suche nach dem Glück und uns selbst, während wir unsere Erfolge durch abgehakten To-do-Listen verzeichnen. Die krankhafte Devise: je mehr um so besser.

Kommt nun auch zu den Hürden des Lebens die Diagnose familiärer Brustkrebs hinzu, purzelt alles durcheinander und das Chamäleon hängt (wenn nicht schon vorher) wie das eigene Leben am seidenen Faden. Doch in dieser Regungslosigkeit, nach dem Schockmoment der Diagnose, beginne ich endlich über mein Leben nachzudenken. Was vorher grau erschien, verfärbt sich plötzlich hell- grün, was mich bewegte wird nun rostig braun. Als würde ich durch die Augen eines Chamäleons blicken, hat sich die innere und äußere Sicht um Millimeter voneinander verschoben. Das ist noch nicht alles, ausgebremst schleiche ich in der Geschwindigkeit des Vierbeiners durch unbekanntes Terrain. Zum ersten mal in meinem Leben entdecke ich meine eigene Geschwindigkeit im Hier und Jetzt. Wer sagt eigentlich das Lebensfreude in einem hellen Gelb erstrahlt?

Währen meiner ersten Brustkrebs-Therapie 2015 gehörte ich zu den „Regenbogenpupsenden-Einhörnern“ die aus allem und jeder Situation etwas Positives zog. Fast wie ein Vampir labte ich mich von den schönen Dingen, die in mir eine Euphorie entfachten. Sei es die Sommerluft, bestimmte Musik oder der unbestellte Cappuccino in einem meiner Lieblingscafés. Es waren und sind noch heute, die kleinen Dinge die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das Negative hatte natürlich auch seinen Platz, doch berührte es mich nicht so. Schließlich richtete sich alles auf Heilung aus. Mein Blog war und ist immer noch der geeignete Ort, um mir meinen Ballast von den Schultern zu schreiben. Eine selbst erzeugte Lebensfreude sozusagen. Doch im Großen und Ganzen, war sie aus einem mir unerklärlichen Grund plötzlich da. Als hätte die Lebensfreude wie ein Chamäleon im Gebüsch darauf gewartet endlich heraus zu krabbeln. Ich hatte das Gefühl endlich angekommen zu sein. Einen Sinn in meinem Leben zu finden, den Kampf für das Leben aufzunehmen und in allen Farben zu leuchten. Ich tat es! Wenn ich heute darauf zurück Blicke spüre ich es immer noch: Dieses Strahlen aus mir selbst heraus. Ich habe es geschafft meine Lebensfreude in dieser Zeit zum Leuchten zu bringen.

Doch unerwartet ein Jahr nach Ende meiner Behandlung meldet sich der Krebs zurück. Schakeline so hieß mein Grundtumor, hat kleine Köttel abgelegt. Knochenmetastasen in meiner Hüfte, Brustwirbeln sowie im Sternum. Es zieht mir nun wahrhaftig den Boden unter den Füßen weg. Mit 33 Jahren Metastasen! Die Schlagzeile lautet: „Lebensfreude am Boden zerstört“. Sie endet mit dem Fakt, dass der Krebs nicht mehr abzuschütteln ist. Während ich die vergangenen Wochen damit verbracht habe mich wie das Chamäleon in Vor- und Rückbewegungen nach oben zu hangeln, bemerke ich, dass die Lebensfreude nicht nur aus hellen Tönen besteht. So langsam begreife ich, dass die Lebensfreude auch in einem dunklen Blau, grün, tief rot oder grau strahlen kann. Sie ist nicht mehr überschwänglich und voller Tatendrang, sondern genießerisch in ihrer ganz persönlichen Lage. Bitter-süß der Nachgeschmack und getränkt von schwarz blasser Lebensfarbe.

Die Kunst des Umgangs mit einer chronischen Krebserkrankung liegt meiner Meinung nach darin, alle Facetten für sich anzunehmen. Erst dann kann ich auch wieder über die schönen Dinge lachen und Lebensfreude entwickeln, weil ich mich nicht mehr mit offenen Fragen, Ängsten und Gedanken auseinandersetzen muss. Lebensfreude ist nicht nur die Freude an sich, vielmehr ist es der schmerzliche Wunsch am Leben fest zu halten, mit allem was dazugehört. Dann ist es auch schön, wenn ich traurig bin weil ich weiß, dass ich dieses Gefühl ebenfalls für mich haben darf; dass ich lebe.

Am Ende bin ich doch noch das Chamäleon, welches am seidenen Faden taumelt, weil es seine Farben verloren hat und auf der Suche nach neuem Halt in einem neuen Leben ist.

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2 Antworten zu Des Schreibens große Kunst- Mein Text vom Literaturwettbewerb

  1. sabinedinkel schreibt:

    Endlich komme ich dazu, deinen wunderbaren Beitrag zum Literaturwettbewerb zu kommentieren. Ich finde ihn richtig schön, kein Wunder, dass du damit unter den TOP 15 gelandet bist! Absolut verdient! Es ist schön, dass wir uns in Berlin wiedergetroffen haben!

    Herzlichst
    Sabine

    Gefällt 1 Person

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