Funkstille – Östrogen, das unterschätzte Hormon

Das Thema sexuelle Unlust aufgrund der Krebstherapie und unter der teils dazugehörigen Antihormontherapie gehört noch zu den größeren Tabuthemen. Ich finde bisher nur einige Broschüren, die über diese Problematik schreiben doch seltener selbst Betroffene und dann auch noch hilfreiches um mit diesem Thema umzugehen.

Ich beginne gerade meine x-Version dieses Artikels, weil es mir selber ziemlich schwer fällt soffen zu schreiben. Das haben Tabus wohl so an sich. Und doch finde ich es ungemein wichtig darüber zu schreiben.

Körper Geist Psyche1

©onkobitch

 

Während der Krebstherapie wird so einiges durcheinander geworfen. Da ist dieses veränderte Körpergefühl, weil ich weiß, dass da etwas schädliches in meiner Brust steckt. Mein Blick fokusiert sich in den ersten Monaten wortwörlich auf dieses eine Körperteil was durch die Behandlung und Diagnostik entweiblicht wird. Es wird zu einem Körperteil, dass der Frau gehört. Wieviele Menschen haben schon meine blanke Brust gesehen. Zum Teil ist dies auch eine Befreiung, weil der Druck und die Scham sich zu entblößen nicht mehr Sexualisiert wird.

Es ist so wie mit dem Saunen oder FKK Strandbesuch. Ich als Westkind bin da sehr verdeckt aufgewachsen, doch hier im Osten sieht man das tatsächlich noch anders. Hier ist es normal und ich rede mir 10 Minuten vor dem ersten FKK Strand-Gang meines Lebens Mut zu. Mein Gott und keiner schert sich darum. Das ist eine enorme Belastung, die ich lieber gerne weg hätte. Aber nun zurück zum Stück:

Dann ist da noch die Chemotherapie

Sie gehört zu den systemischen Therapien, weil sie nicht nur krankhafte Zellen abtötet sondern eben auch gesunde schnell wachsende Zellen. Das sind vor allem Haare, Haut, Fingernägel und Schleimhäute. Vom Mund bis zum After über die Gebärmutterschleimhaut oder Blasenschleimhäute. Da wird einiges kaputt gemacht und wieder aufgebaut. Der Körper ist ständig am Arbeiten. Auch die Eizellen in den Eierstöcken oder die Samen in den Hoden werden in Mitleidenschaft gezogen. Hierfür gibt es zum Schutz zwei Möglichkeiten. Entweder: Eierstöcke lahmlegen (Hormonblocker- GnRH-Analoga) oder Entnahme von Eierstocksgewebe  bzw. Samen und dessen kostenintensive Einfrierung. Ich habe mich für die Spritze (GnRH-Analoga) entschieden. Sie wird von der Krankenkasse bezahlt.

HirnWährend der ersten Krisenzeit und der Chemotherapie ist der Körper so mit der Bewältigung der Situation beschäftigt, dass ein Fortpflanzen gar nicht im Energiehaushalt vorhanden ist. Die Libido ist am Boden und schläft den Chemorausch aus, weil eben auch ein Teil Gehirns in diesem Fall das lymbische System betroffen ist (Fatigue). Hier geht es also um das eigene Überleben. Viele Frauen fallen auch ohne Fertilitätsschutz in eine kurzzeitige Menopause, die bei einigen sogar direkt in die altersbedingte Wechseljahre übergeht. Andere Frauen hingehen bekommen wieder ihren Zyklus.

 

östrogen

Östrogene

östrogen l

östrogen

östrogen l

 

©Onkobitch

 

 

Antihormontherapie wo und wie sie wirkt

Ich stecke aufgrund meiner Tumorbiologie dem Hormonrezeptor positiven /her2 neg. Brustkrebs und meiner Metahasen in einer Antihormontherapie.

Meine Krebszellen und Metastasen haben einen Rezeptor an dem Östrogene anhaften können und den Tumor dadurch wachsen lassen. Dagegen gibt es die Anti-Hormon-Therapie. Im Vergleich zur Chemotherapie ist sie Körper- freundlicher, weil sie nichts kaputt macht. Aber man muss dennoch auf ein paar Dinge achten!

Im Grunde verhindert die Antihormontherapie alle Östrogen abgebenden Organe die Produktion der weiblichen Hormone.

Dies sind:

Tamoxifen

Tamoxifen

Das Tamoxifen hatte ich zu Beginn meiner Antihormontherapie.  Es setzt sich an die Östrogenrezeptoren und verhindert, dass die Krebszellen den Befehl zum Wachsen bekommen. Meine Zellen haben sich an das Medikament angepasst und neue Rezeptoren entwickelt.

 

Aromatasehemmer

Aromatasehemmer

Die Aromatasehemmer verhindern die Produktion von Östrogen-Vorstufen (Aromatase) im Fettgewebe und in den Nebennieren. Auch wenn unser Gehirn und die Eierstöcke keine Hormone produzieren gibt es noch diese Vorstufen. Aromatasehemmer sind z.B. Letrozol Anastrozol und Exemestan

 

 

Palbociclib

Palbociclib /Ibrance

Dann gibt es da dieses Palbociclip. Es ist ein Hemmer, der Zellteilung und Zellwachstum verhindert. Es wird bei metastisiertem Brustkrebs mit einfachem Rezeptor (siehe Bild 4) des Aromatasehemmers genommen.

 

 

 

GnRHAnaloga

GnRH-Analoga

Last but not least besteht meine Antihormontherapie auch aus der 3monatlichen GnRH Analoga Spritze namens Trenantone. Sie verhindert überhaupt, dass Geschlechtshormone im Gehirn (Hypothalamus) produziert werden.  Dies funktioniert laut dem Krebsinformationsdienstes durch einen Überschuss an synthetischen Hormonen, die bei ununterbrochener Gabe die Aktivität der Eierstöcke nachhaltig unterbricht.

 

Auswirkungen des Hormondefizits

Doch was passiert durch diese Medikamente und der Therapie in mir?

Körper u seeleKörper und Geist sind unzertrennlich. Häufig sind wir uns dessen Zusammenspiel gar nicht bewusst. Seit meiner Erkrankung fällt mir das ungemein auf. Seit 2015 lebe ich ohne meinen Zyklus das ist Fluch und Segen zu gleich. Vor allem bin ich mit den GnRH-Analoga  und ohne Menstruation entspannter geworden. Ich habe nicht mehr diese krassen emotionalen Auf und Abs vor und während dessen. Jetzt scheinen sie zu meiner Gesamtstimmung besser zu passen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich und meinen Körper besser spüre als vorher.

Doch der Nachteil liegt daran, dass die Hitzewallungen kommen und die Knochendichte nachlässt. Das Östrogen reguliert nicht nur die Körpertemperatur, sondern verursacht bei Fehlen dessen auch Osteoporose, wenn man nicht aufpasst und etwas dagegen tut. Calcium und Vitamin D sind da wichtige Lieferanten. Nicht die aus dem Drogeriemarkt, sondern die richtigen Dinger aus der Apotheke am besten unter ärztlicher Kontrolle!   Während und Nach der Haupttherapie war es am schlimmsten. Schwitzattacken im Bett mit bis zu 3 Klamottenwechsel pro Nacht und Knochenschmerzen in den Fußgelenken durch die Therapie und Tamoxifen. Jetzt 3 Jahre nach meiner 1. Therapie und dem Wechsel zu Aromatasehemmern hat sich das Schwitzen gemindert und die Gelenkschmerzen in den Füßen sind weg. Dennoch ich habe jeden Tag Hitzewallungen. Am häufigsten fallen sie mir auf, wenn ich Stress habe, ich von draußen (kühlen und windig) nach drinnen gehe (windstill und warm) oder bei warmen Getränken. Dazu kommen noch Kreislaufprobleme, weil der Körper bei heißen Temperaturen nicht mit dem Runterkühlen nachkommt. Mein Herz pochert schneller, meine Energie geht plötzlich in die Wärme um und ich laufe je nach Außentemperatur zwei Schritte langsamer. Manchmal muss ich mich sogar hinsetzen weil ich schlapp werde.

HitzewallungEierstock3Neben den Nebenwirkungen der Medikamente auf den gesamten Körper gibt es auch ganz spezielle Veränderungen im Bereich der Gebärmutter, Eierstöcke und Vulva. Durch den Hormonentzug bilden sich die Eierstöcke zurück, die Eier werden nicht mehr Produziert und können somit auch während einer Chemo nicht zerstört werden. Dann folgt auch die Gebärmutterschleimhaut die sich zurückzieht. Sie wird nicht mehr durchblutet und durch den Hormonverlust wird auch kaum noch Scheidenflüssigkeit produziert.

Eierstock trockenDiese Trockenheit spart ein paar Schlüpfer ein aber unangenehm ist es vor allem beim Sex. Auch die äußeren und inneren Schamlippen ziehen sich zurück. Gelegentlich juckt es auch oder wird Druckempfindlicher, was unangenehm werden kann. Plötzlich fühlt man sich im eigenen Körper nicht mehr wohl und weiß auch nicht woher es kommt.

 

Eierstock trocken2Für die Körperlichen Bedingungen gibt es Hilfsmittel wie gynäkologisch geprüftes Gleitgel von Ritex, weil die Schleimhaut einfach durch die Chemo und Bestrahlung viel durchgemacht hat. Dann gibt es noch Vaginalzäpchen, um der Scheidenflora nach zuhelfen. Für die Jenigen, die keinen Hormonabhängigen Brustkrebs haben können noch auf Hormone zurückgreifen um den Hormonhaushalt aufrecht zu halten.

Lass uns Kuscheln

Für mich besteht die schwierige Situation  darin, dass die Hormonumstellung so radikal von heute auf morgen passiert. Die Menopause bzw. die Entwicklung der Wechseljahre beginnt regulär zwischen dem 40. und 50.Lebensjahr und dann auch langsam. Es werden Hormone reduziert und am Ende bleiben dann noch die Vorstufen des Östrogens. Selbst die werden mir genommen. Es geht ja auch darum dass man psychologisch vor allem in einer ganz anderen Lebensphase steckt. Ach naja, Sex ist nicht alles aber manche Informationen vom Hypothalamus zu meinem Uterus hätte ich schon gerne :’DD.

HirnEs fehlt also an der Kommunikation zwischen Gehirn und meinen restlichen Körper- was das Östrogen betrifft.

 

 

Eierstock1Da wo mir vorher der Kopf und die Ohren rot angelaufen sind, weil es z.B. in Büchern heiß her ging, ist da heute nichts mehr. Ich empfinde trotz der gelesenen Inhalte keine Erregung eher finde ich es unangenehm. Das Bedürfnis nach Sex war zwar schon vorher etwas verblasst aber dass ich so gar nicht in Wallung gerate ist halt schade. Natürlich frage ich mich ob das nun alles von den Hormonen kommt oder ich ein anderes Problem habe, dass das nicht will und kann. Manchmal will ich es mir auch einfach machen und nur auf die Antihormontherapie schieben. Manches kommt vielleicht auch durch meine eigene Körperwahrnehmung, die durch meine Therapie beeinflusst ist. Manchmal macht mich das wütend. Da fehlen diese unbewussten Signale die sagen: „Hey das ist mega scharf, komm lass uns mal geschmeidig werden“. Auf jedenfall gibt es kein Sich vor Erregung verkrampfender Uterus der einem Sagt wie erregend man etwas findet.

Es ist anders. Ich finde meinen Partner und andere Menschen immer noch attraktiv doch für Zährtlichkeit braucht es plötzlich mehr Zeit mehr Sicherheit. Es braucht ein gutes und entspannteres Drumherum. Die Therapie hat so viel Energie gezogen, dass es selbst Kraft kostet sich dem Partner zu öffnen und den Körper so zu zeigen wie er ist. Für mich diesen medizinischen Blick loszuwerden und ihn mit meinen Narben- innen und außen als schön und angenehm zu empfinden. Schmerzen und Angst vor Überbelastungen spielen mit Metastasen ebenfalls eine Rolle. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es auch der Kontrollverlust über den Körper ist, der da einem dazwischen kommt. Wahrscheinlich ist es alles zusammen, was es insgesamt auch nicht leichter macht.

Mir hat vor allem geholfen, eigene Gedanken offen anzusprechen. Manchmal hilft es seine Grenzen neu zu überdenken. Es ändert sich in kurzer Zeit so viel. Wichtig ist vor allem einen Platz für solche sensiblen Themen zu haben um sie ansprechen zu können. Ganz einfach kann mein ein ABC zu diesem Thema aufschreiben. Es wird von A-Z notiert was einem Spontan einfällt. Das wird dann Stück für Stück mit dem/der Partnerin beschnackt, das können beide Personen parallel ausfüllen. Ohne Wertung. Das Hilft zum einen positive und negative Dinge anzusprechen ohne den anderen zu Beschuldigen und zum anderen lernt man so auch neue Seiten vom/von der Partnerin kennen.

Auf jedenfall lerne ich aktuell auch welche Einstellung ich überhaupt zu dem Thema habe und wie mich mein bisheriges Leben prägt. Vor allem auch was die Medien und das ganze Geschwafel von wie oft und wieviel und so ein Bla bla ein gutes Sexualleben ausmachen soll. Es ist schwierig aus dem bisher erlernten abzudriften um sein eigenes zu finden und dann eben etwas das sich gut anfühlt, obwohl man vorher dachte, das was man hatte war gut und richtig. War es vielleicht auch, geht halt nur nicht mehr.

eure Entsinnte

Onko

 

P.S.

Quellen:
Krebsinformationsdienst: Antihormontherapie
Onko Internetportal: Palbociclib
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3 Antworten zu Funkstille – Östrogen, das unterschätzte Hormon

  1. Yvonne schreibt:

    Hallo Onkobitch,
    toller Artikel und ein Thema das viel zu selten angesprochen wird.
    Mach weiter so 🙂

    Liebe Grüße
    Yvonne (vom Krebsblog)

    Gefällt 1 Person

  2. Lichtbildprophet schreibt:

    Hallo, deine Worte ‚… Libido ist am Boden und schläft den Chemorausch …‘ beschreibt die ‚Sache‘ sehr gut, hat mir bei aller ‚Traurigkeit‘ des Themas sogar ein Lächeln entlockt. Um dabei zu bleiben: Über anderthalb Jahre nach Ende der Chemo (Hodgkin-Lymphom) liegt sie immer noch komatös nieder. Es gibt zwar die eine oder andere Zuckung, mehr auch nicht … Man(n) hat es auch nicht einfach 😉

    Gefällt 1 Person

    • onkobitch schreibt:

      Hey! Ohja, das bezweifle ich nicht, dass es für Männer ebenfalls eine Belastung ist. Die Chemo wirkt eben im Lymbischen System im Stammhirn und macht da auch so manches kaputt oder durcheinander. Das Schwierige ist, dann unangenehmes zu vermeiden und angenehmes als anreiz zu nehmen und sich leider nicht auf gelerntes zu besinnen, weil das ja verlernt ist. Alles moppelkotze. 😀 Ich wünsche dir aber alles Gute für deine Gesundheit und Leben 🙂 Lg onko

      Gefällt 1 Person

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