Fatigue: Fa- bitte was?

Dem ein oder anderen ist das Wort vielleicht schon unter die Augen gekommen. Manche kennen sich bereits. Fatigue (ausgespr. Fatieg), das tiefgreifende Erschöpfungssyndrom, das sich gerne während aber auch nach der Krebstherapie einstellt. Es ist sozusagen die böse Schwester der Müdigkeit.Game-Fatigue web

Einen Bekanntheitsgrad hat Fatigue ebenfalls bei Stoffwechselerkrankungen wie MS oder Depressionen erlangt. Aber auch manche Patienten bei Herz- und Lungen Erkrankungen oder Morbus Chron können von ihr betroffen sein.

Das krebsbedingte Fatigue ist durch ein quälendes, anhaltendes, subjektives Gefühl von körperlicher, emotionaler oder kognitiver Müdigkeit oder Erschöpfung geprägt, welches in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung- oder Therapie steht. Es beeinträchtigt die Alltagsfunktionen und tritt unabhängig von vorherigen Aktivitäten auf. (vgl. National Comprehensive Cancer Network [NCCN], 2011)

(Es gibt noch das chronische Fatigue-Syndrom, welches noch andere Symptome und eine Ursache beinhaltet)

>Fatigue ist für mich wie Feierabend machen bevor man überhaupt angefangen hat zu arbeiten. Wenn man in Stresssituationen verlernt ein Handy zu bedienen, weil sich logisches Denken und die Konzentration wie der Akku plötzlich abschaltet. Wenn trotz Fachausbildung die gelernten Fachausdrücke sich in dunkle Materie auflösen – und anstatt darüber zu lachen, sich automatisch das Heulprogramm aktiviert und obendrein Verzweiflung und Angst um sich schleudert.<<

Fatigue funktioniert also auf mehreren Ebenen gleichzeitig. So wie unser Geist nicht vom Körper zu trennen ist, ist auch die Erschöpfung gebunden an:

  • Gefühlen (emotional)
  • Körper (physisch) und
  • Geist (kognitiv)

Ich stelle mir immer eine Dreieinigkeit aus Körper, Hirn und Herz vor, die in einem gesunden Zustand zwar ineinander überlappen, aber ihre Grenze nicht überschreiten. Wird man nun Krank, sei es durch Krebs oder eine andere der oben genannten Erkrankungen, dann funktionieren die Grenzlinien der verschiedenen Bereiche nicht mehr und das „Fass“ läuft sozusagen- in die anderen Felder-über. Gefühle mischen sich mit den körperlichen Empfindungen, und beeinflussen die Hoffnungen und Ängste. Sie vermindern Konzentration und Erinnerungsvermögen und verstärken sogar körperliche Beschwerden. Im Gegensatz zu einer Depression verändert sich nicht die Grundstimmung. Sie kann im Gegenteil zur Erschöpfung stehen.

Ein Problem muss also noch nicht mal mit dem Thema Krebs zu tun haben. Alleine die Tatsache, dass ich einen inneren Konflikt habe, zerrt an meinen Energien, die durch die Erkrankung oder Therapie auf ein Minimum gedrückt wurde.

Bei mir habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass ich empfänglicher oder sensibler für die emotionale Erschöpfung bin. Besonders bei der Diagnose meiner Metahasen und den Knochenschmerzen war ich gefühlsmäßig auf einem tiefen Punkt.

Es gibt bereits Patienten die schon vor der Therapie erschöpft sind. Während der Chemotherapie und bei der Bestrahlung sind 90% betroffen. Die Ursache findet sich also zum einen darin, dass der Tumor durch seine eigene Versorgung dem Körper permanent Energie entzieht und das Immunsystem sich  gegen den Schmarotzer wehrt. Zum anderen schädigt die Chemotherapie nicht nur die Krebszellen, sondern auch gesunde, schnell wachsende Zellen. Der stetige Prozess des Reparierens zieht dem Körper Energie. Die Bestrahlung tut ebenfalls ihren Anteil.

Ein vermutlich ebenfalls betroffenes Organ ist das im Stammhirn liegende limbische System. In diesem werden Emotionen verarbeitet sowie Endorphine und körpereigene Opioiden produziert. Aber auch die Gedächtnisbildung findet dort statt und im Grunde ist das Stammhirn die Schnittstelle zum Rest unseres Zentralen Nervensystems. Es wird hier und da darüber diskutiert ob die Chemotherapie dort ebenfalls so einiges durcheinander bringt. Auch ein Teil der Antihormontherapie wirkt in diesem Bereich.  Eine umfassende Beschreibung des limbischen Systems gibt es auch auf Gehirn und Lernen.

Ein weiterer Aspekt der sich dem Fatigue anreihen kann ist eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die ebenfalls die Funktionen des limbischen Systems stören. Eine Krebsdiagnose kann (muss nicht) ein Trauma und damit eine PTBS hervorrufen. Angst und Überforderung, Trauer und Hilflosigkeit sind in den ersten Wochen und Monaten sehr greifbar. Es dauert bis das Gehirn und auch die Emotionen die Diagnose so aufgenommen hat, dass man das Gefühl hat nicht gleich abzunippeln. Z.B. war ich am Anfang meiner Diagnose Geräusch empfindlich und schreckhaft vor schnell fahrenden und laut hupenden Autos.

Doch wie wird man diese Erschöpfung wieder los?

Körperlich (physisch)

Toddyoga

©onkobitch

Ausruhen und Schlafen hilft bei Fatigue nicht, Patienten fühlen sich hingegen sogar noch müder und im schlimmsten Fall kann sich dadurch eine Abwärtsspirale einstellen. Ruht man sich mit der Erschöpfung aus, werden auf lange Sicht die Muskeln abgebaut, der Körper ist immer weniger in der Lage, Energie einzusetzen. Aus diesem Grund zählt Fatigue zu den Symptomen, die am meisten belasten und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Während es für Schmerzen und andere Nebenwirkungen häufig Medikamente gibt, muss gegen Fatigue selbst über einen längeren Prozess angegangen werden

Bewegung ist das A und O gegen die Erschöpfung. Kann der Körper mehr auf Energie zurückgreifen, ist man auch belastbarer. Es muss nicht gleich Sport sein und muss es auch nicht werden. Es sollte alles im Rahmen des Möglichen bleiben und vor allem Spaß machen. Dennoch sollte man sich nicht scheuen, auch mal Grenzen auszutesten. Ich habe mit der Zeit bewusst wahrgenommen, wann ich durch Fatigue erschöpft und wann es tatsächlich Müdigkeit war. Das half mir auch zu sagen: „ok, ich bewege mich jetzt nochmal.“

toddyoga1

©onkobitch

 

Mir fällt durch die Therapie auf, dass man häufig so zurück fährt, dass man irgendwann nicht mehr weiß was man darf, kann und was möglich ist. Damit diese Hilflosigkeit dem eigenen Körper gegenüber verschwindet tut es gut, die eigenen Grenzen neu kennen zu lernen und wahrzunehmen.

Das gilt auch für den psychologischen und kognitiven Aspekt der Dreieinigkeit.

Wir neigen dazu uns „normalisieren“ zu wollen, dass wir in unsere alten Gewohnheiten passen, doch das klappt nicht so wie wir das gerne hätten. Davon spricht z.B. die Psychologin wenn sie von einer Anpassungsstörung oder Problematik redet. Eine Psychotherapie ist eine sinnvolle und hilfreiche Unterstützung. Hier können sowohl Probleme als auch Ziele angesprochen und verfolgt werden. Mir haben Gespräche über Ziele aber auch  Ängste sehr geholfen.

Neue Gewohnheiten braucht der Verstand

Wenn es nicht mehr so geht wie es war, muss es anders weiter gehen.

HirnSo würde ich es kurz und knapp sagen. Leider ist das nicht einfach. Doch vielleicht helfen diese Punkte

  • überdenke deine Pflichten -was muss wirklich sein und wer kann dir Arbeit abnehmen
  • teile deine „muss gemacht werden“ Aufgaben auf Tage auf an denen du die Kraft dazu hast
  • so wie dir manche Dinge Energie nehmen, suche dir etwas das dir Kraft zurück gibt
  • gönne dir etwas auch ohne etwas geleistet zu haben
  • mach dir keine Verbote! (außer der Arzt hat es gesagt oder es ist für dich o. andere gesundheitsgefährdend)
  • überprüfe dein Schlafverhalten- viele kennen sie, die Schlafprobleme die wichtigste Zeit sind die ersten 3-4 Stunden, denn da verläuft die Tiefschlafphase und Erholungszeit für den Körper. (Ich werde darüber noch mal einen Bericht schreiben. :))

Wenn es um die psychologische und emotionale Komponente geht habe ich folgende Erfahrungen gemacht:

  • tue zunächst mehr Dinge die dir Kraft und Mut geben und dir leicht von der Hand gehen
  • spreche deine inneren Gefühle an, damit der Mensch dir gegenüber weiß wie es dir geht
  • die Kür sollte so 2/3 deiner Tätigkeiten ausmachen
  • je weniger Überforderung am Anfang auftritt um so mehr positiven Eindrücke können aufgenommen werden.
  • Sport/ Bewegung hilft um für eine Stunde den Kopf komplett abzuschalten. Es gibt z.B. Rehasport für onkologische Patienten die haben Entspannungsrunden im Anschluss oder Qi Gong im Angebot
  • Löse dich von Menschen die dir nicht gut tun und suche gezielt nach Personen die dich unterstützen.

moodtrackerUm die eigenen Emotionen und deren Wechsel besser zu verstehen habe ich mich einer Idee aus dem Bullet Journaling bedient. Diese Form des Kalender Führens beinhaltet z.b. den Mood-Tracker. Mit diesem System malt man jeden Tag in der Woche, Monat oder Jahr sein Gefühl ein. Je größer man die Fläche macht um so mehr kann man auch variieren. Ich habe mich an meine Grundstimmung gehalten so kam ich dann auf eine bis zwei Farben an einem Tag. Daraus konnte ich dann schließen warum ich plötzlich einen Gemütsabfall hatte.

 

Zum Schluss gibt es da noch die Konzentration und das Gedächtnis. Es funktioniert scheinbar dann nicht, wenn wir gefordert werden und wir was ableisten müssen, von dem wir vorab schon wissen, dass es eine unangenehme Situation sein wird oder wir einfach unsere Schwierigkeiten haben. Bei mir ist es vor allem die Orientierung in Großstädten, ich fühle mich durch den Schilderwald überfordert und meine Konzentration und mein logisches Denken gehen da ziemlich flöten. Oder ich vergesse in manchen Situationen was ich gedacht habe oder an die Abläufe. Hier heißt es für mich

  • mach dich nicht schlecht
  • Ablenkungen minimieren
  • tue Dinge die dir Spaß machen um deine Konzentration zu steigern
  • überlege dir, was dir helfen könnte um das Problem zu überbrücken
  • Zeitdruck raus nehmen
  • Gedanken laut auszusprechen oder
  • Handlungen bewusst machen und nicht mal eben beiläufig

An manchen Tagen konnte ich mich umdrehen und habe vergessen was ich gedacht oder gemacht habe. Das ging von der Tür abschließen bis hin zum nächsten Drogeriemarkt. An sehr stressigen Tagen hatte ich sogar Probleme eine Einkaufsliste abzulesen!!! Das hat sich zum Glück gebessert. (Ich nehme keine Listen mehr mit und merke mir das Wichtigste : Käse, Wurst, Milch, Katzenfutter sowie Obst und Gemüse das im Angebot ist :D)

Besonders dieser Gedankenkreislauf des sich schlecht Machens frisst Energie und Selbstwertgefühl.

Besonders wichtig ist es generell Dinge zu tun, die kein Zweck erfüllen sollen, sondern die ganz allein der eigenen Glückseligkeit dienen. Dadurch gibt man seinem Leben einen eigenen Sinn.

Fazit:

Fatigue ist so individuell wie der Mensch, denn es handelt sich hierbei um Energielosigkeit, die an körperlichen, geistigen und emotionalen Bedingungen der Person geknüpft ist. Dennoch hat Fatigue bei jedem etwas gemeinsam. Es ist eine grundlegende Erschöpfung die durch ein Energiedefizit kommt und durch Überforderung und Schonung verstärkt wird. Fatigue abzubauen gelingt also dann, wenn wir unsere Fähigkeiten neu einschätzen und vom eigenen Ist-Zustand aus Schritt für Schritt unsere Ressourcen steigern, eigene Grenzen achten und mit dem neuen Energiehaushalt achtsam umgehen.

Quellen:

Fatigue individuell bewältigen (FIBS) Ulrike de Vries et all- Hans Huber Verlag 2011
https://de.wikipedia.org/wiki/Limbisches_System
https://www.gehirnlernen.de/gehirn/das-limbische-system-oder-das-s%C3%A4ugergehirn/
https://www.apotheken-umschau.de/Chronisches-Fatigue-Syndrom

Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Leben mit Krebs abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Fatigue: Fa- bitte was?

  1. MaiRose42 schreibt:

    Du hast es exakt auf den Punkt gebracht. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen…
    Sehr schön geschrieben und aufschlussreich!

    Gefällt 1 Person

  2. MaiRose42 schreibt:

    Aber gerne doch. 💖

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.