Dem Tod in die Augen schauen? Mit der richtigen Brille!

Am Anfang ist es vielleicht wie ein nicht wahrhaben wollen, später wurde es für mich unabwendbar. Ich konnte dem Thema Tod nicht mehr davon laufen und nachdem ich endlich hingeschaut habe und mir eine passende Brille aufgesetzt habe, wurde es plötzlich Bunt hinter diesem scheinbar düsteren Thema.Toddmuschel

Im Nachhinein sieht man so manches klarer und ich lerne jetzt viel mehr über mich und mein Leben als ich es vorher tat. Doch nun von Anfang an.

Wie denkst du über den Tod und das Sterben?

Zunächst macht es für mich einen Unterschied über meinen Tod oder Sterben (das ohne mich bzw. das danach) und über den Tod oder Verlust eines mir wichtigen Menschen nachzudenken (darüber werde ich noch direkt schreiben). Das bewirkt bei mir eine andere Betroffenheit, eine anderes Verlustempfinden. Beim Thema Tod rutsche ich häufig in die Philosophie, in Glaubensfragen und vor allem beschäftige ich mich mit der Endlichkeit. Es ist tatsächlich ein spannendes Feld, wenn man darüber nachdenkt was möglicherweise danach kommt, oder von einem bleibt.

reginakleiner22

Vielleicht kommt auch gar nichts, ich denke das kommt ganz darauf an was man denken möchte. Ich persönlich mag die japanische Folklore, mit den Geisterwesen (Yokai), die um uns herum leben. Manchmal ertappe ich mich dabei mir vorzustellen, wie es gerade auf meinem Schreibtisch voller kleiner Wesen so wimmelt, sie Unfug treiben oder mir beim Schreiben zuschauen. Das weckt bei mir ein lächeln und die Vermutung, dass unsere Liebsten eben noch irgendwo da sind und vielleicht einen Einfluss haben.

 

Gibt es etwas an dem du Sicherheit findest oder was dir Angst macht?

Würde man mich fragen, wovor ich Angst habe, dann wäre es nicht der Tod, den treffe ich nur flüchtig. Viel mehr habe ich vor dem Sterben Angst. Dabei vor allem über die ganzen Emotionen die möglicherweise auf einen einbrechen. Vor Schmerzen oder Leid, die man durch eine gute palliative Versorgung eindämmen kann, habe ich Momentan weniger Sorge. Eben so Besorgnis erregend finde ich die Vorstellung vor dem Nichts. Nicht um sonst hat das „Nichts“ eine so beängstigende und bedeutungsvolle Rolle in der „Unendlichen Geschichte“ bekommen. In meinen Therapiesitzungen merke ich noch häufig, dass ich Angst meiden will. Ich habe mit meiner Metahasendiagnose richtig fiese lähmende Angst gehabt. So langsam erkenne ich, dass ich vielleicht Angst haben werde, aber nicht dieser lähmende oder panikartige Zustand. Ich werde da sicherlich nicht alleine durchgehen müssen. Regina hat mir in ihrer letzten Zeit ein wenig Sicherheit in der Unsicherheit gegeben, weil ich hinschauen und etwas lernen durfte.

Eine Sicherheit und Gewissheit gibt mir der Tod dennoch. Denn wenn jemand aufgrund einer Erkrankung oder des alters stirbt, dann wenn es keine Heilung mehr gibt und eine Wiederbelebung keinen Unterschied zu der jetzigen Situation bringt, dann ist es unausweichlich. Dann wurde das Leben, dass man hatte bis zum Schluss ausgeschöpft. Wenn ich mir vorstellen würde, meine Liebsten zurückholen zu können, dann hätten sie kein Lebenswertes und lebensfähiges Dasein. Ich kann mit dieser Sichtweise für mich besser erfassen, dass es „gut“ ist, dass jemand nicht mehr da ist und ihn trotzdem vermissen.

Wie empfindest du, wenn du dich mit deiner Endlichkeit/Bestattung/ Testament/ Patientenverfügung auseinander setzt?

Todd-talkAm Anfang habe ich das Thema lieber verdrängt. Doch als ich keine Andere Wahl mehr hatte, habe ich langsam angefangen mich auf meine ganz eigene Art mit dem Themenbereich zu beschäftigen. Ich habe recht früh gemerkt, wie befreiend es sein kann, sich mit diesem Schreckgespenst auseinander zu setzen. Ich bin jetzt soweit, auch dank meiner gut verlaufenden Therapie, dass ich ohne Belastung mich an das Thema wenden kann, ohne Druck, ganz so wie ich es kann.

Ich habe festgestellt, dass wenn es um den Tod bzw. das Sterben geht, dass häufig (mich mit eingeschlossen) erst mal mit dem Testament, der Patientenverfügung oder der Vollmacht gewunken wird. Ich denke, das ist ein falscher Ansatz. Ich bin der Meinung, da muss viel mehr vorher passieren. Schlimmer wird es wenn wir in einer lebensbedrohlichen Situation stecken und überfordert sind, dann ist es sehr schwer sich damit unbeschwert auseinander zu setzen. Ich habe tatsächlich ein schlechtes Gewissen, dass ich es vorher so gemacht habe und mir wichtige Menschen so unter Druck und ihrer Angst ausgesetzt habe.

Hast du eine bestimmte Art wie du mit dem Thema umgehst? Gibt es etwas das du tust damit es leichter wird? Geht das überhaupt?

Unbeschwert mit dem Thema umgehen, geht das überhaupt? Ich denke ja zu einem gewissen Teil. Es ist vielleicht die Art wie Kinder fragen um die Welt zu verstehen oder Philosophen die Fragen der Fragen formulieren, Ärzte Dinge analysieren um zu mehr Wissen zu gelangen oder Parfümeure, die Duftstoffe auseinandernehmen um etwas neues daraus zu entwickeln. Manchmal ist es der Glaube, Humor, Sarkasmus, Ironie oder Romantik. Warum auch nicht, wenn es für einen selbst dadurch leichter wird.

Ich konnte bis vor kurzem noch nicht meine Patientenverfügung beginnen, weil ich nicht sterben will, weil ich nicht in der Situation stecken möchte. Der Gedanke war schwer auszuhalten. Das will ich immer noch nicht, ich will vor allem am Leben festhalten. Wie kann man dann Entscheidungen treffen wie man Geräte abstellt, Medikamente gibt, die einem kein Schmerz spüren lassen und sich in diese Endsituation bringen, die man nicht will?

Harter Stoff, sag ich euch. Ganz schön harter Stoff.

Ich habe aus Angst vor diesen Fragen angefangen mich mit meinem Leben und meinen Lebenswünschen auseinander zu setzen. Weil ich mich ungern dem Abschied widme und nicht sterben will, will ich wissen wie ich Leben kann. Ich habe angefangen Todd in mein Leben zu holen. Der kleine knochige Begleiter, der mir den Blick auf die wichtigen Dinge lenkt. Dann habe ich auch Fragen überlegt:

ToddzeitWie will ich leben, wenn ich mit einem Rollator durch die Straßen ziehen muss; ich wegen meiner Metastasen nur eingeschränkt bewegen kann; bis zu welchem Lebenszeitpunkt kann ich gut palliativ betreut und auf einer Palliativstation versorgt werden; wie könnte ich meine Lebenszeit in einem Hospiz ausschmücken. Welche vorhaben habe ich auch in dieser Phase meines Lebens? Wenn ich so darüber nachdenke, dann kommt da so ein verkitschter süßer Geschmack auf. Ein Lebensgefühl, das sagt, ja das ist ziemlich rosig, aber es gibt mir auch eine Perspektive auf ein Leben zu dieser Zeit, auf die ich mich vielleicht auch freuen kann. So wie ich mich darüber freue, dass ich meine Erkrankung bis jetzt gut gemeistert habe. Warum dann nicht auch eine gewisse Lebenszeit im Hospiz als hoffentlich angenehm empfinden zu dürfen. Also auch wenn ich nur 50% beherrsche, dann kann ich noch 100% aus diesen 50% herausholen. Das habe ich vor, das nehme ich mir einfach vor. Wie es kommt liegt nicht in meiner Hand, aber was ich daraus mache.

Ich habe aber auch mit meinem Freund über (meine) Beerdigung(en) gesprochen. Und darüber wie er denkt, wenn ich mal nicht da bin. Wie Friedhöfe auf uns wirken, ob ich eine Seebestattung möchte oder doch lieber eine Friedwaldbestattung. Vor meiner Diagnose fand ich Seebestattung total „schön“. Ich dachte dann an brechenden Wellen und an lange Strände. Heute nachdem ich nun gut knapp 10 Jahren an der Ostsee lebe, kommt mir bei einer Seebestattung eher der Dieselgeruch in die Nase und ich habe graues Flachwasser vor Augen. Zu dem wäre es nicht so umweltfreundlich, extra für mich mit einem stinkenden Schiff auf’s Wasser zu fahren, um an einer dafür vorgesehenen Stelle herabgelassen zu werden. Jetzt ist es eher die Friedwald/Baumbestattung, die mich reizt. Die Jahreszeiten zeigen ein steten Wandel von Leben und Vergänglichkeit. Zum Glück habe ich noch viel Zeit darüber nachzudenken und neue Ansichten kennen zu lernen, denn dass wird auch meine Sichtweise zu diesem Thema verändern. Insgesamt hat sich in meinem vergangenen Jahr so einiges wieder verändert. Von daher gehe ich gelassener mit solchen Fragen um, sie sind Situationsabhängig.

Welche Brille ist die Richtige für dich? Deine! Es gibt da kein Einheitsgestell. Die Brille, die mir gut steht, muss dir nicht passen und anders herum. Von daher ist es wichtig seine eigene zu finden. Viel Spaß bei der Suche, viel halt und etwas Leichtigkeit.

Liebe Grüße

Eure Onko

 

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2 Antworten zu Dem Tod in die Augen schauen? Mit der richtigen Brille!

  1. Viola Eichholz schreibt:

    krasser Artikel, ich bin soooo froh, dass dieses Thema ein langfristiges ist. aber wer weiß schon, wie lange er auf dieser Erde ist, keiner. fühl Dich umarmt. liebste Grüße Viola

    Gefällt 1 Person

  2. Anna schreibt:

    Danke für deine offenen Worte! Es tut gut, zu wissen, dass sich andere die selben Sorgen machen. Oft tun wir das alles ja ab und sagen, dass es eben der Kreislauf des Lebens ist, dass alles Enden muss. Aber ich war schon als Kind bockig und ich kann auch das nicht verstehen.
    Vielleicht bleibt doch etwas von uns da, von unserem Bewusstsein. Manchmal denke ich, dass es wie beim Schmetterling ist. Dass wir, wenn wir sterben, nur eine Metamorphose durchmachen. Und ich hoffe dann treffen wir alle Menschen wieder und können unsere lieben Menschen die noch Leben beobachten und bei ihnen sein.

    Fühl dich gedrückt!

    Gefällt 1 Person

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