Bloggen als Verarbeitungsstrategie- Kommentar

Cold

Foto: Karl Grünberg

Ich stand vor ein paar Tagen mit einem riesigen Artikel im Tagesspiegel. Es ging um das Bloggen und warum es für viele so wichtig ist. Als ein Beispiel stand ich dafür Rede und Antwort und habe meine persönliche Sicht dargelegt. Der Artikel war riesig O_O und das Bild von mir erst /o\ . Auch wenn der Artikel so groß war spricht er nicht alles an was man sagen konnte und manchmal fehlen einem auch die Worte um das was man erlebt zu beschreiben. Dies möchte ich hiermit nachholen und ein paar Punkte ergänzen, denn es ist das was das Bloggen für mich ausmacht.

Die Perspektive wechseln

Die Onkobitch war (und ist vielleicht immer noch) wie eine zweite oder dritte Haut von mir. In dem Moment, in dem ich mich in ihr Gemüt, in ihre Laune hineinversetze und auf ihre ganz persönliche Art mich wort-akrobatisch und mit dem Sauren-Sahnehäubchen- Humor- austobe, schaffe ich es mich meinen Erlebnissen entgegenzustellen. Es ist wie eine Sonnenbrille, die ich mir aufsetze oder eine Rolle einnehme, um das was gerade mit mir passiert bzw. passiert ist, betrachten zu können. Es ist mehr als ein auskotzen. Der Perspektivenwechsel gestattet mir meine durchaus dramatischen und aufwühlenden Ereignisse zu entdramatisieren in dem ich sie ins lächerliche ziehe und dennoch schaue ich genau darauf. Natürlich war am Anfang ein großes Bedürfnis den ganzen Ballast loszuwerden. Dennoch schreibe ich ganz bewusst über/von meine/n Strategien und wie ich mit den Dingen umgehe. Was ich gar nicht mehr leiden kann ist nur zu meckern und nichts dagegen zu tun.

ICH-Form

Gerne verfällt man in die Verallgemeinerung und beschwichtigt das, was man erlebt… Die Ich-Form hat mich realisieren lassen, dass ich nicht wegsehen kann. Am Anfang meines Blogs hat mich das immense Kraft gekostet immer auf mich zurückzukommen.  Vor allem kann ich meine Erlebnisse nicht verallgemeinern, weil das was ich erlebe nur ich tue. Wenn es Überschneidungen gibt und andere ähnliche Erlebnisse haben, dann ist dies etwas das man mit einem teilen kann und gut tut, nicht allein damit zu sein.

Ein Sich-bevollmächtigen

Da gehe ich komplett mit. Das Schreiben ist für mich ein Kreativer Prozess, bei dem ich das was ich erfahren habe mir unter den Nagel reiße und eine gewisse Form der Kontrolle zurückhole. Ich denke vor allem darüber nach wie ich den Beginn spannend setze, und welche Worte passen um das auszudrücken was ich transportieren will. Vor allem will ich aber zu den Situationen und dem was ich an „Brennpunkten“ habe, meine Meinung und Gedanken äußern. Das heißt ich erschaffe die Situation erneut in einem neuen Abdruck. Eine Ähnliche Erfahrung mache ich im Zeichnen. In dem Moment in dem ich eine Umgebung abzeichne, halte ich das was ich sehe und was ich damit empfunden habe in meinen Händen. Vor allem bei den Comics zu Onko, Fati und Todd schaffe ich auch ohne Worte das auszudrücken was mir auf dem Herzen liegt, bzw. was der Kernpunkt gewisser Erfahrungen ist. Das ist ein besonderes AHA-Erlebnis. Manchmal habe ich das Gefühl die ganze Welt in den Händen halten zu können, weil ich sie im Grunde abzeichnen könnte. Ich schaffe auch neue Dinge oder kann sie nach meinen Wünschen tun und machen lassen, was ich will. So ist es ähnlich mit dem Schreiben. Ich schreibe über Dinge die mich stören, bei denen ich Schluckauf bekomme oder an denen ich Konflikte erlebe. Und am Ende jedes Beitrages fühle ich mich 10 Kilo leichter. Ich denke nicht mehr drüber nach, denn ich habe alles bis zum Schluss zu Ende gedacht. Das ist eine Wohltat.

Bestätigung durch Andere.

Ja, sie ist da und tut ungemein gut. Vor allem von den Menschen die mir Nahe stehen und durch den Blog immer näher kommen. Jede Person, die sagt, dass sie etwas in meinem Blog findet, dass ihr weiterhilft ist wie ein kleines Geschenk. Mit meinem Blog arbeite ich nicht darauf zu diese Bestätigung zu kriegen. Es gibt also immer wieder Wartezeiten, in denen man nichts von mir liest. Weil es einfach nichts von mir zur Erzählen gibt, was ich teilen möchte. Die Sorge, dass andere Menschen diese Offenheit ausnutzen könnte, ist da. Doch ich habe eher das Gefühl, dass dies von einer Spezifischen „Gesundheitsgruppe“ kommt, als von Einzelpersonen. Mein Name war bisher immer nicht so im Fokus :D. Was mich im Grunde freut. Meine Offenheit hat mir besonders in meiner Krankheitsverarbeitung und diese anzunehmen geholfen. Vor allem tut mir die Offenheit im Austausch mit anderen Menschen enorm gut und bereichert selbst mich immer wieder.

Es ist auch alles eine gewisse Form der Reflexion

Ohne meinen Blog könnte ich heute nicht so viele Aspekte von mir so annehmen. Weil ein Hauptbestandteil meines Blogs darin besteht das was ich erlebt habe anzueignen und dazu das Gefühlte und Erlebte so zu beschreiben, dass auch meine Leser*Innen dies nachvollziehen oder zumindest verstehen können. Das ist mir immer ein großes Anliegen gewesen (und ist es immer noch), dass man mehr hinter die Fassade des „Leides“ und der Überforderung schaut. Das ich und andere Menschen handlungsfähig bleiben. Das es etwas zu gestalten gibt. Ich hätte meine Probleme -die ich am Anfang hatte und auch in meinem Blog beschrieben habe- nicht so lösen können (wie ich es tat) wenn ich nicht die Form gefunden hätte mit mir auf eine andere Art und Weise darüber nachzudenken.

beingstrong

Foto: Karl Grünberg

 

Liebe Grüße

eure Onko- die Metahasenbändigerin

P.s. ein lieben Dank an Karl Grünberg für die Bereitstellung der Fotos vom Interview

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