Den Gefühlen auf der Spur I: Die Einsamkeit

Ich bin den Gefühlen auf der Spur. Nicht den tollen Rosaroten, die man gerne hier auf meinem Blog findet. Ich möchte mich eher den scheinbar unangenehmen, den dunklen und zähflüssigen und klebrigen Gefühlen widmen. Manchmal sind es auch grüne Kotzbrocken, vor allem wenn man wütend ist kommen sie gerne hervor. Es wird also um meine Ängste, Wut, Trauer und um Einsamkeitsgefühle gehen. Und vielleicht so hoffe ich, schaffe ich deren Zusammenhänge darzustellen und (mir) deren Übermaß zu nehmen.

Zunächst glaube ich, dass diese „negativen“ Gefühle so gewaltig wirken, weil wir sie häufig erst dann wahrnehmen, wenn sie uns stark einnehmen und uns im Alltag bremsen. Wenn sie uns überrollen. Ich schätze wir nehmen ihre Facetten kaum wahr und sind dann plötzlich überrascht und natürlich nicht erfreut sie zu sehen. Mir ging es da so und teilweise habe ich noch Schwierigkeiten, von mir empfundene belastende Eindrücke zu beschreiben- vor allem wenn ich mich über Menschen, Sachverhalte oder Erlebnisse aufrege. Doch je mehr Facetten wir wahrnehmen können um so leichter lebt es sich mit ihnen und um so eher werden sie von Kotzbrocken und Kackbratzen zu angenehmen Begleitern,  die einen Vorwarnen ja nicht weiter zu gehen oder stehen zu bleiben.

Vor ein paar Tagen hatte ich plötzlich das tiefe Gefühl von Einsamkeit. Das hat mich so mitgenommen, dass ich traurig und natürlich dadurch Müde wurde. Plötzlich waren die Kontakte, von meinen Freunden zu mir, zu wenig und zu viele Kontakte einfach oberflächlich. Ich fühlte mich allein.

Ausschlaggebend war ein Krebsaktionstag, an dem ich so viele Bekannte und Kontakte getroffen habe, dass mir dann vor Augen führte, dass ich das nicht mehr so in meinem Alltag habe. *

Ich habe zunächst danach gesucht was Einsamkeit überhaupt ist und was dies ausmacht. Wikipedia kam da für eine Suche mir entgegen. Es bestätigte einige Dinge meiner Empfindungen doch war der Inhalt nicht tiefgründig genug. Das verfestigte sich dann zwei Tage später bei meiner Psychologin.

Denn ich empfinde mich nicht sozial isoliert und auch nicht so richtig von meinen Freunden verlassen. Ich habe sogar das Gefühl selber dafür mit verantwortlich zu sein. Denn schließlich hat mir meine Tante vor gut 1,5 Monaten eine Postkarte aus dem Urlaub geschrieben, eine Freundin mich vor 3 Monaten zum Geburtstag eingeladen und ich habe mich nicht gemeldet -.-. Ich schaffe es partout nicht Geburtstagsgrüße auszusenden und Post zu verschicken. Das tut mir dann immer total leid.

Tatsächlich habe ich hier vor Ort auch eine gute Freundin und meinen Partner. Mein Blog, Twitter und Euch. So richtig isoliert bin ich nicht.. oder doch?

Nach dem Psychgespräch wird mir plötzlich einiges bewusst.

Das Gefühl der Einsamkeit kommt nicht von ungefähr. Schon seit Beginn meiner Metahasendiagnose habe ich das Gefühl aus den Zugehörigkeitsgruppen rauszufallen. Das liegt vor allem daran, dass ich mich nicht mehr mit der Patientengruppe der Heilbaren identifizieren kann. Da ist nicht mehr das Gefühl, „Ja ich werde noch ein Leben ohne Krebs erleben- arbeiten und irgendwann in Rente gehen“. Da war eher ein, „Ich bin Rentnerin- ich kann und will nicht mehr arbeiten“. Und häufig ertappe ich mich dabei es zu vermissen Tagsüber mich mit jemanden zu treffen. Klar, wenn die meisten Arbeiten. Im Vergleich zu der Zeit vor meiner Erkrankung war ich von Kontakten zu anderen gefüllt. Nach der Arbeit war ich K.O. und dann reichte es aus am Wochenende mal jemanden zu treffen. Heute habe ich eindeutig viel mehr Freizeit und mehr Hobbies, die ich zu Hause am Schreibtisch ausführe.

Nicht heilbar zu sein war auch zu beginn der Diagnose fast wie ein Todesschlag.

Ich habe mich selbst in dieser Phase auch zurückgezogen. Alles was ich vorher gemacht habe funktionierte nicht mehr. Kontakte waren zu viel, denn ich war maßlos überfordert und mit mir beschäftigt. Hilfe von Anderen konnte ich nur von wenigen annehmen. Nämlich die, die selbst mit einer Chronischen (Krebs-)erkrankung leben. Das sind nicht viele im Vergleich. Und natürlich ist da auch tatsächlich eine Körperliche Einschränkung die mich nicht mehr ganz so Mobil sein lässt; die mich müde macht; die Energie auf Aktivitäten raubt.

Das betrifft auch die Zugehörigkeit zu meinen Freunden. Während meiner ersten Diagnose hatte ich so viele stützende Hände um mich herum. Auch wenn sie teilweise so weit weg leben. Das brauchte ich tatsächlich und es tat ungemein gut. Ich habe mit ihnen gefühlt ein Ziel gehabt und plötzlich schieße ich darüber hinaus und schlittere auf die Metaebene. Heute vermisse ich diese Aufmerksamkeit und gleichzeitig befinde ich mich aber auch nicht mehr in der Situation in der ich das brauche.

Mein Krebs ist nicht mehr der Mittelpunkt meines Lebens.

Mit der Metahasendiagnose verfliegt das. Nach gut 1,5 Jahren Metahasen und insgesamt 4 Jahren Leben mit Krebs, befindet sich die Krankheit nicht mehr im Fokus meines Alltags. Statistisch betrachtet befinde ich mich bei einer Normalverteilung (Gaußche Glocke) bei den glücklichen 5% die ein sehr positiv verlaufende Erkrankung haben. Dann gibt es noch die breite Masse, die ein Zwischending haben, bei denen es häufiger hoch und runter geht und in den anderen 5% sind die Menschen, denen es sehr schnell sehr schlecht geht. Bei mir ist es also Stagnation auf allen Ebenen, mit sehr wenig Nebenwirkungen. Das macht mich, da ich mich als Individuum kaum mit anderen metastasierten Frauen vergleichen kann, auch etwas einsam. Das bewirkt auch, dass die Kontakte, die gerade wegen der Erkrankung entstanden sind nicht mehr halten. Das ich das Gefühl habe, anderen gar keine Wertvollen Tipps geben zu können weil es mir ja damit so gut geht. (Blöder Gedanken- ich weiß und trotzdem da.) Heute kommt meine Kunst dazu, meine Lebenseinstellung, die ich mit einigen lieben Menschen teile. Da ist viel mehr und ich genieße es, meinem Leben neuen Inhalt zu geben und außerhalb der Diagnose zu leben.

Das was mich Einsam fühlen lässt ist auch die Traurigkeit und der Schmerz, dass nicht mehr zu haben was ich hatte. Weil ich selbst nicht mehr in der Phase bin, die eine Freundschaft auf dieser Ebene aufrecht hält.

Ich habe während der Therapie mal wieder erkennen können, dass auch Einsamkeit ein Prozess von etwas Anderem sein kann und dass nichts bleibt wie es mal war. Nur manchmal bleibt der Blick auf einen ganz Bestimmten Punkt kleben, weil ich genau weiß!!1! dass da die Lösung hinter steckt.  „Und ich wunder mich, warum ich nicht weiter komme. “ *Augendverdrehgeräusch*

Ich habe also gewünscht, dass die Art des Kontaktes aus meiner ersten Diagnose erhalten bleibt. Das ist nicht möglich, denn wir alle befinden uns nicht mehr da.

„Und manchmal sind wir alle ein wenig wie „IA“ aus Winnie Poo“ (Psych) 😀 Stecken den Kopf in den Sand und sagen noch die anderen sind Schuld 😀 (Sorry) Ich arbeite also jetzt daran zu schauen, was ich mit meinen Freunden, Bekanntschaften und Kontakten mache. Wen ich mit nach Leipzig „nehme“ und was mir in neuen Freundschaften wichtig ist. Denn Freundschaften so meine Erfahrung, verändern sich, enden oder entstehen neu.

Tatsächlich ist es normal, dass man im Leben nur 1-2 wirklich tiefe Freundschaften hat. Der Rest sind ein Freundeskreis und Bekanntschaften. Aber die innige Freundschaft die man aufgrund von Lebensvorstellungen unabhängig vom Krebsthema teilt braucht aufwand um diese Aufrecht zu erhalten. Sie sind ähnlich wie Partnerschaften nur auf platonischer Ebene.

Ja, seit dem ich mich tatsächlich bewusst damit auseinander setze habe ich schon 2 meiner Freunde kontaktiert und meine Tante angerufen :D.

Etwas das mir nun noch lange nachhallt ist der ungefähre Satz meiner Psych: Ein Problem von Grund auf zu verstehen hilft einem nicht die richtige Lösungen zu finden. Das Problem kommt wieder oder läuft nicht weg, also können wir uns der Lösung und dem Prozess widmen.“ Ich werde meine Psychologin vermissen wenn ich wegziehe…

Jetzt wo ich so langsam verstehe was ich brauche und will, verändert sich auch das Gefühl meiner Einsamkeit. Im Hinblick zu meinem Umzug ist es scheinbar auch logisch, dass plötzlich dieses Gefühl hervorkommt.

*Zum Ausgsangspunkt zurück: Ich fühle mich auf dem Krebsaktionstag so zu Hause, weil ich mich da mit meiner Erkrankung zu 100% zugehörig fühle. Da ich mich aber immer weniger mit der Lebenssituation und der Bewältigung identifizieren kann macht mich das ebenfalls traurig vor allem weil es in meinem Alltag kaum eine Rolle spielt. Ich bin froh, dass der Krebs immer mehr in den Hintergrund rückt. Von daher arbeite ich daran, meinem Leben mehr Gehalt und Gestalt zu geben.

Liebe Grüße

Eure Metahasenbändigerin!

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