Die Angst geht manchmal komische Wege

Sie kriecht und keucht in dunklen Ecken, sie lauert und kauert im Gestrüpp. Manchmal ganz logisch und sinnvoll und anderen Mal scheinbar irrational und nicht nachvollziehbar. Die Angst

Bevor ich mich in das Thema vertiefe möchte ich euch den Bericht „Wenn dir der Arsch auf Grundeis geht“ von Sabine Dinkel empfehlen. Sie geht sehr locker und mit guten Tipps auf das Handling mit der Angst ein. Wer also nichts über Angstzustände lesen mag und kann, darf gerne dort direkt lesen :D!

Ich möchte in meinem Beitrag vielmehr aufzeigen, wie meine Angst manchmal aussieht und wo sie hervorkommt und wo erstaunlicherweise nicht.

Wenn ich meine Erkrankung seit 2015 betrachte habe ich relativ selten intensiv Angst gehabt, doch wenn sie da war, dann war es sehr deutlich. Zu Beginn meiner Diagnose tobte sich meine Angst gerne zu der Zeit aus, in der ich noch nicht wusste ob ich jetzt Krank bin oder nicht. Zusätzlich kam auch der Informationsmangel dazu und dass man nicht weiß woran man ist. Der Höhepunkt dieser Angst kam dann mit dem Konflikt mit meiner damaligen Gynäkologin und endete schlagartig mit der Diagnose und der Therapie, die da auf mich wartete. Ich war erleichtert, als ich meine Antwort bekam, weil ich endlich wusste woran ich bin. Das könnt ihr unter „Airline 666“ nachlesen.

Meine Angst schlich sich darauf in den Hintergrund und schaute ab und zu aus dem Schatten heraus. Vor allem hatte ich (und habe es heute Phasenweise auch heute noch) Angst um meine Verwandten und Freunde. Angst, dass sie plötzlich einen Unfall erleben und ihnen was geschieht oder durch eine Krankheit plötzlich sterben. Wenn meine Liebsten längere Fahrten unternahmen hatte ich Angst, dass ihnen unterwegs etwas passiert.

Ich hatte plötzlich Angst vor den Geräuschen in meiner eigenen Wohnung, das kratzen der Krallen unserer Katze wirkte Fremd und bedrohlich.

Dann gab es auch die Schreckhaftigkeit. Autos im Straßenverkehr waren irrsinnig laut und ich bin zu Beginn meiner Diagnose häufig vom Hupen oder Tür zuschlagen zusammengezuckt. Ich hatte plötzlich Angst vor den Geräuschen in meiner eigenen Wohnung, das kratzen der Krallen unserer Katze wirkte Fremd und bedrohlich. Meine Sinneswahrnehmung war zugespitzt und Hyperaktiv. Mein Freund gab mir damals den Tipp dieser Angst mit einem eigenen Monster oder Superhelden gedanklich entgegenzugehen und sie in die Flucht zu schlagen. Es hat tatsächlich neben anderen Entspannungstechniken geholfen.

Angst ist aber auch Lebensnotwendig. Ohne sie würden wir viel zu leichtfertig durch das Leben gehen und möglicherweise viel jünger sterben als gewünscht. Sie ist auch mit der Erkrankung sinnvoll, nämlich nicht ein weiteres mal diese erschreckenden Erfahrungen zu machen. Mir ist nur aufgefallen, dass wir häufig vor den Dingen Angst haben, die wir nicht kennen und Krebs ist von sich aus ein sehr angstbesetztes Thema. Ich wollte zu Beginn und auch jetzt noch nicht mehr Angst haben als tatsächlich nötig. Klingt blöd aber ich will halt nicht permanent Angst vor den Viechern in mir selbst haben…

Ich habe eine Angst aber voll unterschätzt und das ist die Angst vor einer Neuerkrankung.

Aufgrund meines Informationsmangels über die einzelnen Schritte zu Beginn meiner Therapie, ist es das Wissen über die Erkrankung was mir ein Sicherheitsgefühl verschafft. Auch das Visualisieren hilft mir vieles greifbar zu machen.

Ich habe eine Angst aber voll unterschätzt und das ist die Angst vor einer Neuerkrankung. Nach der Therapie beginnt man plötzlich viel sensibler seinen Körper wahrzunehmen. Gnubbel und Beulen werden dort ertastet wo sie vorher eigentlich auch schon waren aber man hat sie nicht bewusst wahrgenommen hat. Manches ist durch die körperliche Veränderung tatsächlich anders. Ich musste meinen Körper mit dem Gefühl von bedrohlich und unbedrohlich neu erlernen. Also im Grunde war ich sehr oft beim Arzt und habe nachgefragt ob das normal ist. Häufig habe ich auch die Schwestern einfach gefragt, weil es mir um eine fachliche Meinung ging der ich auch nicht zu viel Bedeutung beimessen wollte.

Für die mir wichtigen Fragen habe ich dann meine Ärzte befragt. Woran erkenne ich Symptome für Gehirnmetastasen damit ich das ausschließen kann, wenn ich mal Kopfschmerzen habe. Denn mir ist aufgefallen, dass ich ab und zu Gleichgewichtsprobleme habe. Vor gut einem Jahr habe ich dann festgestellt, dass es am Absenken des Busses liegt und mir es aber nicht bewusst aufgefallen ist. Mein Gleichgewichtssinn kommt da nicht hinterher. Ja, auch darüber macht man sich plötzlich Sorgen, weil der Körper doch dann in Alarmbereitschaft geht.

Die Angst vor den Untersuchungen wurden gemindert, weil zufälligerweise immer etwas spannendes passiert ist. Das hat mich abgelenkt, auch die positiven Ergebnisse waren ein Zeichen dafür dem Körpergefühl zu vertrauen. Ich habe auch aufgehört, die Untersuchungen, die ich habe im Fokus zu halten. Es sollte mir kaum jemand noch die Daumendrücken, da es den Fokus auf ein „ja nicht wieder Erkranken“ nur deutlicher machte. Ich habe ganz gezielt die Bedeutsamkeit der Untersuchungen nach hinten geschraubt, so dass ich dank der vielen positiven Erfahrungen nur am Tag und Abend vorher richtig aufgeregt war. Das ging so weit, dass ich vergaß wann meine letzte MRT Untersuchung war. 😀 (Ich halte das für einen Fortschritt)

Krebs- Fluch und Segen zu gleich- fühlt man in gewissen Phasen nicht und kann dennoch Lebensbedrohlich sein. Das macht einen zu Beginn des neuen Lebens unsicher, weil man erst mal neues Vertrauen in die Wahrnehmung schaffen muss. Ohne psychoonkologische Hilfe hätte ich da sicherlich nicht so einen Umgang erlernt.

Auch in einem unheilbaren Zustand gibt es ein Dazwischen, das sich Leben nennt.

Mit meinen Metahasen hat sich das alles etwas geändert. Zu Beginn hatte ich tatsächlich das erste Mal in meinem Leben richtig Angst zu sterben. Wenn Heilung auszuschließen ist, bleibt doch eigentlich nur eins übrig oder?!? Nein! Auch in einem unheilbaren Zustand gibt es ein Dazwischen, das sich Leben nennt. Das hat lange gebraucht. Vor allem hatte ich über mehrere Wochen permanent Knochenschmerzen, die ebenfalls die Angst und die Aussichtslosigkeit hervorlockte. Später habe ich mich dem Tod und das Sterben auf meine Weise genähert, Todd ist entstanden. Das hilft mir im Alltag und eins ist mir auch bewusst geworden, nachdem die Metahasen unter erste Kontrolle gebracht worden sind: Ich brauche keine Angst mehr vor einer Wiedererkrankung haben. Es ist absurd aber seit meiner Metahasen habe ich diese Angst verloren. Stattdessen kommt die Angst vor dem Progress also der Fortschritt der Erkrankung. Und auch da mache ich wieder neue Erfahrungen.

Ich hatte richtig Muffensausen als herauskam, dass im CT was neues erkannt worden ist. Das Abwarten und Abklären per Ultraschall hat mich vor Angst erstarren lassen. Ich hatte wieder das Bild meiner Bestattung vor Augen -.-. Als ich dann aber auf der Pritsche bei der Oberbauchsonografie lag, verschwand irrsinniger Weise meine lähmende Angst (Auch wenn das Bild der Bestattung noch etwas blieb). Es gab wieder den Punkt der Erkenntnis. Und vor allem, ich Lebe noch und ich spüre die Metahasen nicht. An meiner Lebensqualität hat sich zu dieser Zeit (bis auf meine Angst) nichts verändert und das war eine erstaunliche Erfahrung. Ich vergleiche es mit Horrorfilmen ohne Gemetzel, da steigt die Angst vor allem an, wenn ich nicht weiß was passiert aber ein Worstcase passieren „muss“. Der „Worstcase“ ist zwar da aber es endet nicht so und fühlt sich nicht so an.

Neben der Angst war da auch Wut. Vor allem Wut auf nervendes Kindergeschrei, wütend auf Leute, die sich in meinen Weg stellten. Die Wut kam, weil ich die Angst nicht ändern konnte und weil ich auch weiß, dass meine Therapie und mein Leben anders weiterlaufen wird. Es ist schwer zu beschreiben. Ich habe diese Wut aufgenommen und bin empört mit meinen Metahasen umgegangen. „Pah“ denen werde ich es zeigen!

Nach der Diagnose kam dann auch die Trauer des Rückschlags und vor allem die Erkenntnis, dass mit meinem Hoch tatsächlich wieder ein Tief kommt. Ich hatte ja gewünscht, dass die Knochenmetas die einzigen sein mögen. Jetzt mit meiner neuen Antihormontherapie habe ich neue Nebenwirkungen. Die aktuellen Nebenwirkungen vergewissern mir auch, dass die Medikamente wirken und ich hoffe so, wie sie sollen.

Auch das Bild meiner Bestattung ist gewichen. In drei Monaten weiß ich mehr. Was auch etwas morbide klingt ist, dass ich wahrscheinlich wissen werde, sollte die Therapie nicht anschlagen. Die Leber wird sich schon melden, sollte es ihr nicht gut gehen und dann müsste man die Therapie wieder ändern. Aber vorerst ist in drei Monaten ein Kontroll- CT geplant. Ich habe Hoffnung auf das neue Medikament und ich weiß in der guten Zusammenarbeit meiner Onkologin, dass sie noch einige Asse im Ärmel hat.

Liebe Grüße

Eure Metahasenbändigern

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Eine Antwort zu Die Angst geht manchmal komische Wege

  1. Der Feind in mir schreibt:

    die Angst ist genauso furchtbar und uneinschätzbar wie der Krebs selbst. In der Woche zwischen Ultraschall beim Gyn und dem Radiologen samt Diagnose hatte ich Todesangst. Da ich mich gegen Googeln und Austausch entschieden hatte, dachte ich unsinnigerweise, dass ich in 2 Wochen tot bin. Ich hatte Todesangst, die dann seit Behandlungsbeginn im Krankenhaus wieder ging, da die Ärzte dort die richtigen Worte für mich fanden. Und Behandlung. Ab und an blitzt die Angst wieder durch…Knieschmerzen? Ab zum MRT…Lymphknoten geschwollen? In 10 Minuten zum Arzt gesprintet. Arztbericht wg Schilddrüse mit Worten wie „maligne“, abklärungsbedürftig“? Talfahrt in Sekundenschnelle. Aber 99,7% meiner Zeit habe ich keine Angst und lebe und freue mich über dieses und jene….Finde Deine Zeichnungen sehr cool zum Auseinandersetzen mit dem Thema.

    Gefällt 1 Person

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