Wenn der Arsch auf Grundeis geht

Ich bin derzeit in der Situation, bei der mir meine so geliebte Brille von der Nase gehauen wurde. Nicht meine Alltagsbrille zum Ausgleich meiner schlechten Augen, sondern die des Humors, der Kreativität und vor allem meines Mutes und mein Optimismus. Darum wird auch Todd aktuell weggeschoben und erhält für die nächsten 2 Wochen Hausverbot!Toddwegschieben

Denn ich habe Angst.

Dies ist also nach der Metahasendiagnose 2017 mein zweiter (harter) Rückschlag. Eine neue Erschütterung dessen Ausmaß ich nun wieder erneut begreifen, einordnen und einschätzen muss. Mir fällt es dieses mal schwerer, denn ich habe so viele Nebensymptome die mich piesacken. Mir war klar, dass ich eine Chemotherapie beginnen würde, wenn die Antihormontherapie vom Mai nicht wirkt. Hätte ich diesen Gewichtsverlust und das ständige Magendrücken nicht, sowie vor ein paar Wochen noch diese zahlreichen und wechselhaften Symptome, dann wäre ich jetzt in einer anderen psychischen Ausgangssituation. Zum Glück, spielt das für die Metahasen keine direkte Rolle. In Bezug auf meine Wahrnehmung meines Wohlbefindens, in meinem Fall diese Feinfühligkeit auf schlechte und unangenehme Körperempfindungen, spielt es eine besondere Rolle. Denn mir fällt vieles schwerer als sonst. Meine Motivation Dinge zu beginnen ist träger geworden, mein Vertrauen in mein Körper ist geschwunden und ich habe auch wieder mehr Angst überhaupt mich zu belasten. Wenn ich über meine Grenzen hinaus gegangen bin merke ich wie mein Erschöpfung die ganzen traurigen Gedanken hervorholt und zum x-ten Mal durchspielt. Ich sehe auch vieles weniger durch die sachliche Brille, die mir sonst so viel Sicherheit gegeben hat. Die Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie ist gegeben keine Frage doch es gibt kein Versprechen dafür und so ertappe ich mich häufig darin ungeduldig zu sein und die Möglichkeit auf eine Verbesserung meiner Situation in Frage zu stellen.

In den letzten zwei, drei Wochen war ich auch damit beschäftigt den Palliativdienst und dieser mich, kennen zu lernen. Das ist zum einen die gesundheitliche Versorgung aber auch das was mich ausmacht und was ich mir im Alltag wünsche aufgegriffen wird. Welche Haltung ich der Palli und diese zu mir und meiner Lebenseinstellung habe bzw. hat. Z.B. ist es mir wichtig aktiviert und motiviert zu werden. Das es nicht nur um Schonung geht und dass ich am Leben teilhaben will. Die palliative Versorgung dreht sich in meiner Situation vor allem um die Symptomlinderung, dennoch hat mich dieser neue Abschnitt eben auch gefordert. Nämlich darin, dass es nicht darum geht dass meine Therapie aussichtslos ist und ich nicht richtung Abnippeln schlittere. Dennoch habe ich ganz eindeutig die Angst, dass das passieren kann.

Und das macht meine aktuelle Situation so schwierig. Sich seiner Endlichkeit bewusst zu sein, kann in einem Maße sehr lebensbereichernd sein. Der Grad kann aber kippen und alles schwingt über in diese Angst und Hoffnungslosigkeit. Vor allem wenn ich mich körperlich abgeschlagen fühle. Besonders in der Zeit meiner Anpassungsphase. Dann versuche ich mir zu sagen, dass es nicht auf die Hoffnung ankommt (da mir keiner etwas versprechen kann), sondern Mut auf das Gefühl leben zu wollen und zu leben. Mir zu erlauben traurig zu sein und versuchen in ein neuen Alltag zu finden. Den Kopf abzuschalten und mal nicht zu denken (Haha… ^^‘). Es ist so turbolent, ich war so oft und lange stark, dass ich es gerade einfach nicht sein kann, weil die Situation es für mich emotional auch nicht zulässt. Auch wenn meine medizinische Ausgangssituation recht gut aussieht, weiß mein Kopf und mein Herz gerade nicht, was es davon halten soll. Diese Diskrepanz ist von Tag zu Tag unterschiedlich groß.

Und dann lerne ich auch, dass es manchmal Symptome gibt, die man nicht weg bekommt. Das man dauerhaft Schmerzen haben kann und ich habe die letzten Wochen häufig und dauerhaft Schmerzen im Magenbereich. Dann kommen Genesungs- und gute Besserungswünsche reingeflattert und ich weine weil ich gar nicht weiß ob es dann in meinem Fall eine Besserung gibt. Das ist eine verzwickte Situation, in der man es mir auch gar nicht wirklich recht machen kann. Was mich noch mehr ärgert. Der Erwartungsdruck eine Besserung zu erleben und der Wunsch danach werden enorm groß.

Überraschender Weise komme ich gerade meinen Magenproblemen auf die Schliche! Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass ich eine Laktoseintolleranz entwickelt habe. Die wirkt sich zunächst durch Magenschmerzen bzw. Brennen aus. Dann habe ich Probleme beim Atmen, weil die Gase im Darm den Magen hoch drücken. Am zweiten Tag wandert dann der Druck in den Unterbauch, während sich eine latente Übelkeit einstellt, die bis in den 3 oder auch mal 4 Tag übergeht. Dadurch dass ich auf eine Eiweißreiche Ernährung umsteigen sollte habe ich vermehrt zu Milchprodukten gegriffen, die die Symptome aufrecht gehalten haben. Ich bin erst vor ca. 4 Tagen auf den Trichter gekommen, da ich mich vermehrt bei bestimmten Milchprodukten übergeben musste und ich ein Abführmittel auf Laktosebasis eingenommen habe, dass mir ebenfalls gar nicht gut bekam. Als ich das pausiert hatte stellte sich plötzlich eine Verbesserung ein und ich war tatsächlich nach 5 Wochen Magenproblemen plötzlich BESCHWERDEFREI. Nachdem ich dann am nächsten Tag doch wieder zu Kaffee mit Milch und einem Flammkuchen griff und wieder Probleme mit dem Magen bekam, fiel es mir wie die Schuppen von den Augen. Laktoseintoleranz!

Wenn die Beschwerden tatsächlich davon kommen, haben sich bisher alle Schmerzpunkte als nicht Metastasenbezogen geoutet! Das ist, psychologisch gesehen, für mich eine große Entlastung. Vor allem auch weil ich meine Beschwerden dann verhindern kann.

So und zu guter Letzt hat sich auch der ambulante Hospizdienst bei mir gemeldet und ich bekomme ebenfalls nächste Woche Besuch. Es geht vorrangig darum einen Gesprächspartner zu haben der mir Sicherheit in dieser Unsicherheit gibt und meine Fragen, Vorstellungen und meiner Angst Raum zu geben, damit ich sie verstehe und Antworten finde. Ich bin schon sehr gespannt! Mein erstes Gespräch fand mit der Leitung des Dienstes statt und war eine tolle Begegnung! Sie hat für mich eine junge Gesprächspartnerin ungefähr meines Alters im Team, mit der ich mich dann austauschen kann.

Und jetzt, nachdem ich den Post geschrieben habe stelle ich fest, dass mein Arsch gar nicht mehr so auf Grundeis geht. Liegt vielleicht daran, dass sich doch so einiges mit der Zeit klärt. Naja, Angst habe ich trotzdem doch heute ist ein guter Tag, da ist das Wohlbefinden stärker.

Liebe Grüße

Eure Onko- die Metahasenbändigerin

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