Urlaub auf der Palliativstation

Wohlmöglich klingt das für viele zunächst zu euphemistisch, jedoch- unsere Erfahrung dort kann tatsächlich ähnlich beschrieben werden. Immer wieder nannte ich es ein „Krankenhaus-Theme“-Urlaub.

Vor etwas mehr als zwei Wochen wurde Onko auf die Palliativstation verlegt. Bereits am ersten Abend fiel uns auf, dass die Gänge bunter, dass Personal allgemein ruhiger war. Wir entschieden uns dazu, dass jeder die Nacht für sich verbringen wird, ich einen Tag später vorbeikomme um die Nacht zu bleiben. Leider, und doch, glücklicherweise war diese erste gemeinsame Nacht auch die Nacht, in der sich ihr Zustand verschlechterte. Ich musste dabei zusehen wie sie zusammenbrach, sie an Blutkonserven angeschlossen wurde und sehr lange sehr fest schlief. Zwischendurch war es unklar, ob sie überhaupt noch einmal zu sich kommen würde.

Seit dieser Nacht blieb ich bei ihr, war meist nur wenige Augenblicke fort für Einkäufe und um sich um unsere Katze zu kümmern. In der ersten Woche kam noch ein Freund hinzu, doch haben wir gemerkt, dass Onko und ich mehr Zeit für einander brauchen, so dass wir ab der zweiten Woche zu zweit verlieben.

Doch zurück zum „Urlaub“. Im Vergleich mit den regulären Stationen war das Personal so viel ruhiger, so viel einfühlsamer (was ja auch verständlich ist). Zahlreiche Extrawünsche wurden ohne Widerrede erfüllt, waren es nun kleine Becher für Wassereis (was wir self-made aus verschiedenen Tees machten :-), extra Decken und Kissen oder aromatische Öle und Düfte. Das ich bei ihr im Zimmer schlief wurde sogar begrüßt und für unseren Kumpel wurde extra ein Schlafsessel ins Zimmer geschleppt. Zwei Mal die Woche wurde ein Frühstück für alle Patienten in einem extra Cafe (mit Klavier) organisiert.

Wir haben viel mit dem Personal über Medikamente sprechen können (es gab häufig Probleme mit Laktose), diese wirken dabei nie hektisch, genervt oder gestresst. Und doch, es wurde nichts beschönigt. Bei der Visite wurde immer wieder auf den Ernst der Lage hingewiesen. Nach einer Weile wurden mir ein paar Griffe gezeigt, um Onko ein wenig zu helfen. Bald schon änderte sich meine Rolle etwas in Richtung pflegender- etwas, was wir jedoch schon bald wieder änderten. Sie wollte in mir den Partner, ihren Mann sehen, nicht den Pflegenden.

Auch für unsere Hochzeit hat sich das Pflegepersonal eingesetzt, für die Stimmung, als Gäste und mit einigen kleinen Details wie einem Herzballon. Obwohl ab einem Zeitpunkt klar war, dass Onko ins Hospiz verlegt werden sollte und uns damit auch klar war, dass ihr nicht mehr viel Zeit vergönnt ist, blieb sie bis zum Schluss stabil. Auch wenn sie körperlich abbaute, ihr Geist war immer klar so dass ihr sogar noch ein Ausflug zugetraut wurde, was wir wahrgenommen haben.

Was ich damit sagen will ist, sollte es angeboten werden auf einer Palliativstation verlegt zu werden, es lohnt sich dies anzunehmen. Wie Onko schrieb,  man stirbt dort normalerweise nicht, sondern, im Gegenteil, wird soweit stabilisiert um entweder weiter zu machen oder selbst zu  entscheiden ob man daheim oder in einem Hospiz seine letzten Tage verbringen will.

Euer T

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8 Antworten zu Urlaub auf der Palliativstation

  1. Mandy schreibt:

    Vielen Dank für diesen Einblick, für die Erinnerungen. Ich war immer stille Mitleserin und will dir mein aufrichtiges Beileid aussprechen, auch wenn sich das falsch anfühlt. Nicht, weil wir uns überhaupt nicht kennen, sondern, weil es sich anfühlt, als wäre es fehl am Platz. Du und kali scheinen so viel geschenkt bekommen und euch gegenseitig so viel geschenkt zu haben, dass all das die Trauer überwiegen wird. Irgendwann.
    Ich finde es so toll, wie ihr beide diese letzte Zeit gestaltet habt. Ihr habt geheiratet und habt es sogar noch geschafft in die Flitterwochen zu starten. Und genau das klingt nach der Person, die dem Krebs immer wieder die Stirn geboten hat. Bis zum Schluss ein „ich mache es trotzdem“. Und das war gut so.
    Ihr habt es beide geschafft euch nicht in der Krankheit zu verlieren, sondern bei euch zu bleiben, miteinander zu bleiben.
    Sogar die letzte Reise habt ihr gemeinsam angetreten, von der du zurückgekommen bist.

    Sofern ich das als fremder Mensch sagen darf: du hast alles richtig gemacht.

    Gefällt 5 Personen

  2. TLS_bochum schreibt:

    danke und ich schließe mich Mandy an.
    ps: „ dass Onko und ich mehr Zeit für einander brauchen, so dass wir ab der zweiten Woche zu zweit verlieben.“ wundervoller Freundscher…

    Gefällt 2 Personen

  3. sesa20 schreibt:

    Lieber T,
    Ihr habt das beide grossartig gemacht❣️
    Wenn ich an Kathrin denke, dann sehe ich ihr Lachen, ihre quirlige Art und einen fantastischen Charakter!!! Es macht mich traurig das sie so jung gegangen ist, aber es rührt mich sehr das ihr eure gemeinsame Zeit bis zum Schluss mit so viel Positivem gefüllt habt! Dir wünsche ich viel Kraft denn ich weiß, aus eigener Erfahrung, was Du geleistet hast! Trauer ist ein langer Prozess und nicht so einfach zu verarbeiten…
    Ich wünsche Dir einen guten Weg um damit umzugehen und liebe Menschen um Dich herum, die Dich dabei unterstützen.

    Alles Liebe,
    Dani

    Gefällt 3 Personen

  4. Hauer schreibt:

    Danke fürs Teilen.
    Bin leider viel zu spät auf sie/euch gestoßen.
    Habe mich aber noch nie mit einer komplett Fremden über eine Handvoll Text so verbunden gefühlt.

    Alles Liebe aus 🇦🇹

    Gefällt 2 Personen

  5. Sock schreibt:

    Hallo, diese Berichte von“ Metastasenbändiger
    „berühren mich sehr. Ich arbeite seit 10 Jahren auf einer Palliativstation und solange versuchen wir auch schon allen klar zu machen, Patienten und auch Ärzten und Kollegen auf anderen Stationen, was Palliativ bedeutet. Diese Berichte hier sprechen mir aus dem Herzen und ich hoffe, die Menschheit wacht endlich auf und sieht unsere Arbeit mit anderen Augen. Liebe Metastasenbändigerin, ich bewundere Dich und danke Dir für Deine Offenheit. Ich wünsche Dir noch viel Leben und gute Begleitung in Deiner schweren Zeit
    LG Kerstin S.

    Gefällt 2 Personen

  6. Kerstin. Sock schreibt:

    Entschuldigung, jetzt bin ich auf das Wortspiel reingefallen und dass, obwohl ich es gleich gesehen habe. Heisst natürlich Metahasenbändigerin, was ich übrigens super finde!
    LG Kerstin S.

    Gefällt 1 Person

  7. miabellavita.de schreibt:

    Vielen Dank für deine ausführliche Schilderung der Situation und der Palliativstation. Ich kann dir da in vollem Umfang zustimmen. Für Schwerstkranke und ihre Angehörigen ist diese Station oft eine große Hilfe. Auch ich kann nur das Beste über die Palliativstation unserer Klinik sagen. Und ganz wichtig, wie du auch sagst, das Ziel hier ist, die Patienten zu stabilisieren, schmerzfrei zu machen und im Idealfall auch wieder zur Familie nach Hause zu entlassen.
    Ich wünsche dir alles, alles Gute und viel Kraft!

    Gefällt 1 Person

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