Leb dein Leben! – vom erzwungenen Glück

Du musst noch dies machen, du wolltest doch nach jenes haben – solche Sätze hören  Menschen die ihrer Endlichkeit bewusst werden, leider immer wieder. Was aufbauend gemeint sein mag, hat jedoch eher den gegenteiligen Effekt.

Onko, wir, hatten viele Pläne- so wie jeder Mensch. Manche sind realistisch, manche bleiben genau das, Pläne für „irgendwann“ einmal. Doch dann kam die Diagnosen, erst Brustkrebs, dann die Metastasen, und stellt das Leben auf dem Kopf. Lieb Gewonnenes war plötzlich nicht mehr so wichtig, dafür bekamen andere Dinge mehr Priorität. Mit jeder neuen Diagnose, jeder neuen Veränderung im und am Körper, verändert sich auch der Blick auf das Leben.

Wir lernten das zu schätzen, was wir an gemeinsamen Erfahrungen hatten. Ein event, ein Gleitschirmflug, stand lange auf der to-do-Liste, doch war dies nicht mehr so wichtig. Das Leben ruhiger genießen, es anpassen an die Situation, dass war unser Ziel.

Solche Listen halten einem vor Augen, was alles verpasst wurde, sie erhöhen nur den Druck, jetzt „zu leisten“ – unbedingt wieder fit zu werden, anstelle in Ruhe zu regenerieren. Der zukünftige Verlust, was nicht erlebt wurde aber irgend wann einmal erlebt werden wollte, rückt in den Fokus. Fatigue und die eigene Schwäche werden viel stärker als Hindernis das Leben „zu Leben“, wahrgenommen.

Daher haben wir uns kleinere Ziele gesetzt, Ruhe und Gemütlichkeit wurden wichtiger als Erleben. Auf diese Weise war es dann auch völlig ok einen ganzen Tag auf dem Sofa zu verbringen.

Es sind meist Gesunde die den Hinweis geben- „Lebe dein Leben bevor es zu Ende geht!“ – was leider zu leichtfertig gesagt wird ohne sich in die Situation des Anderen hinein zu versetzen. Bevor solche gut gemeinten Pläne für events aufkommen

redet mit den Leuten, ob sich ihr Leben, ihre Ansichten und ihre Ziele geändert haben.

Es ist eine schönes Gefühl, den Anderen glücklich sehen zu wollen, erst recht wenn diese Person schwer krank ist, doch geht es eben nicht um einen selbst. Es kann Menschen unter Druck setzen, da sie pötzlich Dinge „erleben“ sollen, nur weil die irgendwann einmal wichtig waren. Ebenso kann es vorkommen, dass sich Betroffene schlecht fühlen, weil sie sehen wie viel Energie Freunde in die Planung gesteckt haben, oder einer Überraschung, sich aber selbst gar nicht so richtig freuen können. Zudem,

wer sagt „mach dies, lebe dein Leben“ sagt damit auch gleichzeitig „du lebst nicht, so passiv wie du jetzt bist

„Nutze den Tag“ ist ein so viel schönerer Spruch, denn er erlaubt das getan wird, wonach einem ist, ohne ein spezielles event einzufordern. Tatsächlich ist die Frage, was denn gewünscht ist, so viel besser als eine Überraschung, die im schlimmsten Fall nur an eine Zeit erinnert, in der das Leben unbeschwerter war.

Selbst die kleinsten Wünsche von „damals“ können plötzlich die Stimmung kippen, weil sich das Leben radikal geändert hat (und das sag ich leider aus Erfahrung). Als die Metas mehr und mehr wurden, brauchte Onkos Körper auch mehr und längere Ruhe- und Erholungsphasen

– und genau diese haben wir uns auch schön gestaltet.

Euer Toni

Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Angehörigensicht, Freunde & Familie, Leben mit Krebs, Tipps, Willkommen im neuen Leben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Leb dein Leben! – vom erzwungenen Glück

  1. klammerdackel schreibt:

    Wie schön, dass Ihr die Zeit schön und ruhig gestalten konntet. Die Krankheit kostet so viel Kraft und was von der übrig bleibt, habt Ihr gut genutzt.

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  2. Andrea Voß schreibt:

    Hat dies auf Andrea Voß rebloggt und kommentierte:
    Lieber Toni,
    Vielen lieben Dank für diesen guten Beitrag. Ich finde es so toll wie Du es beschreibst was Onko noch gefühlt hat. Ich kann mich da nur so gut hineinversetzen. Erst gestern haben wir eine liebe Freundin zu Ihren letzten Weg begleitet. Sabine hat sich auch mehr und mehr ausruhen müssen und ich finde es so toll, dass ihr Mann sie bis zum Schluss zu Hause begleitet hat. Wir werden Sabine sehr vermessen, sie war ein wichtiger Teil meiner Sportgruppe und von den Wandermädels. Lieber Toni ich wünsche Dir weiter so gute Artikel und es ist so schön, Deine Artikel zu lesen, aus der Sicht eines Angehörigen. Du bist so tapfer. Mach weiter so. Ich blogge übrigens auch über dieses Thema. Meinen Blog findest Du unter. http://www.andrea-v.de

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  3. Ines Moegling schreibt:

    Hallo Toni,
    danke erneut für deinen Blogeintrag. Ich stimme deinen Aussagen absolut zu.
    > Nicht vorschreiben, was gemacht werden müsse, sondern nachfragen, wo die Bedürfnisse liegen.
    > Nicht Aktivitäten einfordern, sondern Ruhe gönnen und da sein.
    > Nicht einreden, sondern zuhören.
    Gruß aus der Region Hamburg der NWSK von Ines

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  4. Sandra schreibt:

    Carpe diem – wunderbar interpretiert und gelebt. Danke für diesen wertvollen Beitrag!

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  5. Karin Tesar schreibt:

    Das ist so eine wichtiger Text! Danke!

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  6. Britta schreibt:

    Herzlichen Dank für deinen Artikel, der mir sehr aus der Seele spricht.

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  7. Kaan Büyükoktay schreibt:

    Vielen Dank für den wertvollen Text, Menschen sind manchmal wirklich so ohne Empathie, da ist jedes bisschen Empathie sehr wertvoll.

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  8. der Peter schreibt:

    Danke für diesen Beitrag! Mehr kann man da fast nicht mehr sagen.

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