Und, seid ihr noch zusammen?

Diesmal gibt es wieder einen Einblick aus der Angehörigensicht – und was es mit mir macht, wenn Menschen die mich kaum kennen plötzlich diese Frage stellen.

„Seid ihr denn noch zusammen?“ – diese Frage wurde uns beiden am Anfang der Diagnose immer wieder gestellt. Ich ärgere mich noch heute, fast fünf Jahre später, jedes Mal wenn ich daran denke, darüber. Dabei kann ich gar nicht sagen wie oft mir diese Frage gestellt wurde – doch war es mehr als einmal – und oft genug als das wir uns beide darüber ärgerten. Aus Gesprächen mit anderen Betroffenen und Angehörigen weiß ich auch, dass wir damit nicht allein dastanden.

Doch wer stellt so eine Frage überhaupt – bestimmt Menschen, die wenig Erfahrung haben?

Überraschender Weise – nein. So wurde ich dies von einer Ärztin die mich behandelte gefragt, ebenso auch Menschen, die selbst Betroffene waren. Dabei war der Krebs zu dem Zeitpunkt noch heilbar. Als zwei Jahre später Metahasen gefunden worden, gab es diese Frage zum Glück nicht mehr- auch zu keinem anderen Zeitpunk.

Aber gehen denn Beziehungen nicht auch an Krebs kaputt?

Ich kann dazu nicht sehr viel sagen, ich sprach darüber zB. mit Psychoonkologinnen (es war kein Mann dabei) und mit Gästen auf div. Konferenzen. Wie in jeder anderen Krise, ist es eine Herausforderung für die Beziehung. Allerdings ist es auch so, dass es wohl eher nicht nur am Krebs liegt, sondern dieser nur der Tropfen ist, der das Fass zum überlaufen bringe. Tatsächlich, zumindest das wurde mir weitaus häufiger berichtet, halten die meisten Beziehungen das aus. Da es aber umso härter ist, wenn eine Beziehung dann doch daran kaputt geht, bleiben solche Fälle eher in Erinnerung.

Und warum gehen Beziehungen dann an Krebs kaputt?

Ich will dazu nur aus Angehöriger sprechen, denn leider ist es eben auch so, dass Angehörige zu wenig auf sich selbst achten. Die eigenen gesundheitlichen Probleme werden kleingeredet und häufig mit der Krebs-Situation verglichen. Nur sehr wenige Angehörige suchen Onkopychologische Hilfe, obwohl für uns die psychologische Belastung ebenso enorm ist (mir wurde gesagt, dass Verhältnis von Betroffenen zu Angehörigen sei in etwa 10:1). Sexualität und Intimität werden nicht angesprochen, aus Angst, dies sei unpassend denn in der Situation gibt es nun wirklich Wichtigeres. Dabei kann das Gefühl begehrt zu werden, berührt zu werden, so viel Sicherheit schenken. Es kann beiden innere Unruhe nehmen und Entspannung geben. Falsche Rücksichtnahme (auf sich, auf Nähe) ist also auch ein Faktor, unter dem eine Beziehung unnötiger Weise leidet – wenn nicht gar zerbricht.

Doch nun zum eigentlichen Thema – warum ärgert mich diese Frage so sehr?

Wütendes Gesicht1

Zunächst – niemand der Fragenden wusste wie unsere Beziehung aussah – wie lange sie schon anhielt, ob und wie oft wir uns streiten und wie viel wir an der Beziehung und an uns arbeiteten. All diese Dinge sind plötzlich also egal – was ich als eine Geringschätzung unserer Beziehung empfand, und noch immer empfinde.

 

Wütendes Gesicht2Es ist auch möglich, dass die Menschen selbst in einer Beziehung überfordert wären, und daher erwarten, dass es mir auch so ergeht. Aus meiner Sicht bedeutet das jedoch, dass mir die Fähigkeiten abgesprochen werden, angemessen mit der Situation umgehen zu können – man unterstellt mir Unfähigkeit.

 

Was mWütendes Gesicht3ich jedoch am meisten verletzt ist, dass die Frage impliziert das ein Mensch, wenn dieser nicht mehr wegen einer Krankheit/Behinderung in einem ganz bestimmten Bereich „normal funktioniert“, dieses Nicht-Funktionieren auf alle anderen Ebenen übertragen wird. Es wird erwartet, als normal betrachtet, dass ich eine Beziehung zu jemanden abbreche, denn der Andere ist ja nun „kaputt“.

Zusammengefasst –

ja, an Krebs können Beziehungen scheitern. Doch, aus meiner Sicht sind daran nicht nur Diagnose und die Situation der Betroffenen das Problem, sondern auch das Verhalten der Angehörigen kann zur Belastung beitragen.

Für mich bedeutet die Frage nach dem Ende der Beziehung in einer solchen Situation die drei genannten Dinge: Geringschätzung, Unfähigkeit, sowie das Absprechen der Beziehungsfähigkeit von Betroffenen.

Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen, doch rate ich davon ab die Frage nach der Beziehung gleich nach so einer Diagnose zu stellen – wir empfanden sie verletzend. Dies gilt umso mehr, je weniger über die Beziehung bekant ist.

Nun nicht mehr ganz so aufgeregte Grüße,

Toni

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10 Antworten zu Und, seid ihr noch zusammen?

  1. Karin Tesar schreibt:

    Wow .. die Frage ist echt hart. Da muss die eigene Panik und die Hilflosigkeit zu diesem Thema schon sehr groß sein wenn man sowas tatsächlich ausspricht.

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    • Ja, mit viel zu viel Wohlwollen könnte man annehmen, dass die Frage nicht so gemeint sei sondern nur als ein „opener“ dienen soll, um ein Gespräch anzufangen. Aber auch das ändert nichts am Mangel an Taktgefühl und ein Stück weit, Bevormundung :/

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      • Karin Tesar schreibt:

        Natürlich ist das taktlos. Ich versuche nur die Motivation dahinter zu verstehen und die hat eben sehr viel mit den Ängsten und Schwierigkeiten der Person zu tun die da spricht. Mir würde nicht mal der Gedanke an diese Frage kommen und mich hat es sehr überrascht, dass sowas tatsächlich gefragt wird.

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  2. der Peter schreibt:

    Ich kann und muss dies alles leider nur bestätigen! Auch ich als inzwischen Witer, wurde gefragt, ob unsere Ehe und Beziehung denn noch „laufen“ würde, nachdem meine mir Anvertraute deutlich erkennbar am Krebs litt.
    Ich enpfand es fast als Angriff auf mich und meine mir Anvertraute! Aber es hat mich auch bestärkt. Bestärkt in der Sache, dass ich es dann noch mehr wollte! Das Zusammenstehen und Zusammenhalten.
    Es gibt leider viele dieser dummen, teils verletzenden Fragen. Gestellt werden sie immer vom gleichen Typ Mensch: Keine Ahnung, nur halbwissen, aber den Mund weit aufmachen.
    „Nicht platzen!“ Drüber aufregen reicht schon… Ich kenn das!

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  3. Frida schreibt:

    Wie kann man nur so eine Frage stellen, auf so eine Idee käme ich garnicht

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  4. Manuela schreibt:

    Zum Glück wurde mir diese Frage noch nicht gestellt aber eine andere sehr oft! „Wie schaffst Du das alles?“. Ich bin jedes mal überfordert darauf eine Antwort zu finden.
    Einerseits möchte ich antworten; Was soll ich denn sonst tun, ihn im Stich lassen? Erwartet der Fragende das etwa?
    Anderseits frage ich mich das im Stillen auch oft und befürchte irgendwann die Kontrolle über mich zu verlieren und zu „explodieren“ um dann voller Verzweiflung zusammenzubrechen.

    Wem wäre damit geholfen? Meinem Mann ganz sicher nicht, er würde sich noch mehr vorwerfen MIR das Leben schwer zu machen. Natürlich reden wir offen darüber und versuchen den Alltag so normal wie möglich zu gestalten .Ich versuche ihn nicht zu oft zu „betüdeln“….aber was bleibt einem denn sonst ? Ständiges fragen „wie geht es Dir?“ ist auch keine Option.

    Als Angehöriger nimmt man sich immer zurück, weil die eigene Situation wirklich immer geringer belastend bewertet wird als der Krebs des Partners.
    Jedenfalls ist das auch eine Frage die mich jedes mal sparchlos macht.

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    • Würde mich interessieren ob Männern diese Frage eher gestellt wird als Frauen – weil das alte Bild vom Mann der von „Frau zu Frau“ wandelt, während Frau „sich kümmert“, noch immer in manchen Köpfen stecket.
      Ständiges Fragen wie es geht hilft wenig, ja. Wasich mit betüdeln meine ist eher Fragen was gebraucht wird anstelle von sich aus meinen was der Andere wohl brauche.

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    • der Peter schreibt:

      Danke für diese Worte! Ich hätte sie nicht anders formuliert! Geholfen, ist mit einer solchen Frage sicher keinem. Das „betüdeln“ ist es! Genau das ist es! Es bleibt nichts anderes mehr übrig! Man machts einfach!
      Perfekt geschrieben! Habe es selbst genau so erlebt!

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  5. Nicht spurlos schreibt:

    Über Umwege bin ich hierhin gekommen und fand in diesem Beitrag den Beweis, dass es leider viele Menschen gibt denen einfach der taktvolle Umgang in Situationen wie diesen komplett fehlt. Anders kann ich mir nicht erklären wie man eine solche Frage stellen kann.

    Mal abgesehen davon, dass es einzig und alleine „die Sache“ der beiden Betroffenen ist und Dritte gar nichts angeht sehe ich es so, dass eine Liebe die an so etwas „zerbricht“ nie eine echte Liebe gewesen sein kann. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe das erlebt.

    Echte und aufrichtige Liebe verkraftet diese Situation – ich nenne es mal „spielend“. Du weißt was ich damit meine vermute ich mal.

    Schöne Feiertage und herzliche Grüße

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    • Tut mir leid das die Antwort leider spät ist, ich habe im Moment sehr viel zu tun.
      Zum Thema, ich unterscheide da zwischen der Liebe zu einem Menschen und das Führen einer Beziehung. Wie Beschrieben, erfordert der Umgang mit solchen Situationen viel von einem ab – mehr, als dass manchmal möglich ist. Je nachdem, wie weit bisher die Themen Krankheit, Armut, Sexualität usw. umgegangen werden konnte. Die Liebe mag noch da sein, doch weil die Situation überfordert, ist ein zusammen Leben leider eben auch in manchen Fällen kaum mehr möglich und die Beziehung zerbricht daran.

      Doch natürlich ist und bleibt es mehr als unsensibel die Frage in einer solchen Situationen zu stellen, da sie ja suggeriert dass da was nicht mehr funktioniere.

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