Kuck mal, ich hab jetzt auch eine Glatze

Spoiler, nein, das gilt natürlich nicht für mich *wirft-sich-die Mähne-über-die-Schulter* 😉 Der Artikel dreht sich diesmal um eine ganz bestimmte Form des Aktionismus von Angehörigen – etwas, dass zumindest medial, häufiger anzutreffen ist. Es ist auch ein Coping-Mechanismus von Angehörigen mit der Situation fertig zu werden. Doch leider haben manchmal selbst die besten Absichten nicht immer den gewünschten Erfolg.

Wenn Betroffene ihre Chemotherapie bekommen, ist es nicht ungewöhnlich dass sie sehr schnell ihre Haare verlieren. Nun gibt es immer mal wieder Videos und Berichte das daraufhin Angehörige, ob nun Familie, im Freundeskreis oder Partner:innen, als Geste Betroffene ebenso mit einer Glatze überraschen – und das ist eher eine schlechte Idee, aus Gründen.

Die Sache mit der freien Entscheidung

Wer durch die Chemotherapie die Haare verliert, hatte nie eine Wahl, jemand der das freiwillig macht, schon. Leider wird dies in solchen Situationen nur umso deutlicher. Es ist ganz ähnlich wie dem Kinderwunsch. Auf Grund der Hormontherapie kam der Kinderwunsch für uns beide nicht in Frage. Wir wollten nie welche, doch macht es einen Unterschied wenn einem diese Entscheidung weggenommen wird.

Die gemeinsame Freakshow

Der Partner rasiert sich eine Glatze, oder die Mutter für die Tochter – was sendet das alles für Botschaften? Der Wunsch ist natürlich, sieh mal, ist gar nicht so schlimm oder? Wir stehen das jetzt gemeinsam durch wenn uns die Leute komisch anschauen. Doch was sendet es noch? Im schlimmsten Fall: Sieh mal, jetzt sehe ich genauso komisch aus wie du.

Vielleicht kommt jemand mit der eigenen Glatze klar (Onko war so ein Fall) – doch hätte sie nie gewollt dass ich ebenso herum laufe (gut 20 Jahren kannte sie mich mit langem Haar). Es war mal im Gespräch, von jemand anderen, und wurde sofort abgelehnt (von uns beiden). Gerade in einer Partnerschaft haben Betroffen schon genug damit zu tun, gefallen am eigenen Körper wieder zu finden. Wenn dann auch noch der Partner sich plötzlich so verändert, hat das Potential für eine zusätzliche Baustelle. Das Ganze wird noch eine Spur unangenehmer, wenn der oder die Betroffene schon überlegt, welche Perücke passen würde.

Letztlich birgt es auch noch die Gefahr, dass damit die Diagnose Betroffenen stets aufs Neue „vor Augen gehalten wird“, selbst dann, wenn sie nicht in den Spiegel schauen.

Das moralische Dilemma

Hier sollte sich alle einmal selbst Fragen – jemand, der einem sehr nahe steht geht diese Schritt, rasiert sich den Kopf um dich aufzubauen, doch dir gefällt das gar nicht. Wäre ich selbst in der Lage dies auch zu sagen? Wäre ich in der Lage dieses  „große Opfer“ zu kritisieren, schon weil es ja (kurz- bis mittelfristig) erst einmal nicht zu ändern ist? Letztendlich ist dies die Konsequenz einer solchen Überraschungsaktion.

Was ich damit nicht sagen will. Die Aktion, sich als Geste der Anteilnahme ebenso die Haare zu rasieren ist  generell übergriffig und schadet mehr als sie hilft. Ich kann und will gar nicht ausschließen dass dies eine tolle Idee sein kann. Dies ist nur meine private Ansicht, aus meiner eigenen Erfahrungen. Obwohl wir beide gemeinsam in der Selbsthilfe aktiv waren (und ich noch immer bin), kann ich mich an keinen Fall erinnern, wo dieser Wunsch, lass uns gemeinsam kahlköpfig durch die Therapie gehen, aufkam. So etwas begegnete uns nur in div. Medien wobei unklar war, wie weit Betroffene in solche Aktionen involviert waren.

Was ich sagen will ist, die Aktion hat das Potential mehr zu schaden als zu nutzen. Beim Thema Aufmuntern gibt es viele Fettnäpfchen. Und um noch einmal weiter auszuholen: Deutschland ist weit entfernt von Inklusion. Wir leben in einer Welt, die von sog. Gesunden für sog. Gesunde aufgebaut ist und auch für sog. Gesunde am besten funktioniert. Jede Krankheit, jede Behinderung bedeutet einen Verlust von Selbstbestimmtheit. Ein kleines Stück Selbstbestimmtheit kann jedoch zurückgegeben werden, wenn mit Betroffenen gesprochen und entschieden wird, anstelle über sie. Genau das gilt auch für Formen der Aufmunterung und Gesten der Anteilnahme.

Toni

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8 Antworten zu Kuck mal, ich hab jetzt auch eine Glatze

  1. Frieda auf Erden schreibt:

    Ich würde mir auch eine Glatze rasieren, damit haett ich keine Probleme, hab sowieso die Haare immer stoppelkurz seit Jahren. Es ist natürlich ein Unterschied ob man es freiwillig macht oder keine andere Wahl hat. Bleib gesund in diesen merkwürdigen Zeiten ‼️🍀

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  2. Marie schreibt:

    Das mag für Onko und Dich so gepasst haben. Und ganz sicher sprichst Du auch anderen Betroffenen aus der Seele. Aber verallgemeinern kann man diese Ansicht nicht. Ich kenne mehrere Frauen, denen diese spezielle Art von Verbundheitssignal im Gegenteil richtig gut getan hat, Gemeinsam Persücken auszusuchen war für sie ein riesen Spaß, z.B. Es gilt, wie immer und überall und auch bei dieser und allen andewren Krankheiten: der Umgang damit und die Sicht darauf sind IMMER persönlich und nicht a priori übertragbar. Ich habe letztes Jahr übrigens auch plötzlich meine Haare verloren – und wiederbekommen dopelt und dreifach -, und mich mit Onko darüber „unterhalten“. Ich wollte in diesr Zeit keine Freundin mit langen Haaren sehen, sehr gerne aber solche, die ebenfalls schütteres Haar hatten. LIebe Grüße von Marie

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    • Sicher, daher schrieb ich ja auch das es meine persönliche Meinung ist weil wir, obwohl wir mit Betroffenen Kontakt haben, keinen solche Fälle kennen.
      Weshalb sich Angehörige aber erst den Kopf rasieren nur um dann gemeinsam mit Betroffenen eine Perrücke auszusuchen, verstehe ich nicht ganz.
      Schon vom finanziellen her, Betroffene bekommen zwar noch einen Zuschlag der KK, nicht jedoch Angehörige. Sollte es denen auch darum gehen sich ebenso eine Perrücke aussuchen zu wollen.

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    • Frieda auf Erden schreibt:

      Ich will es ja auch nicht verallgemeinern, ich rede ja nur von meinem Haaren

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  3. ruthie244 schreibt:

    Danke, das hat das Glatzenproblem wirklich gut beschrieben. Ich habe auch sehr darunter gelitten aber ich hätte niemals gewollt, dass sich deshalb jemand wegen mir den Kopf rasiert.

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  4. Ancy schreibt:

    Hallo,
    das mit der Glatze sehe ich divers. Es muss passen. Ich habe mitbekommen, wie sich Geschwister und gute Freunde (allerdings im Kindesalter) die Haare gegenseitig abrasiert haben, um mit dem Anderssein bzw. der Situation zurecht zu kommen.
    Mit der Inklusion gebe ich Dir vollkommen recht. Kathrin und ich haben schon im Laufe des Studiums zur Sozialarbeit festgestellt, dass wir den Punkt der Integration noch nicht mal in der Gesellschaft überwunden haben und schwuppdiwupp kam die nächste fixe Idee der Inklusionsgedanke.
    Schlimmer als die Zeit der Glatze/Chemo empfand ich die Zeit danach. Eine junge Teenagerin zu sein mit schütternem Haar, Narben zwischen der Brust und am Becken. Wieso konnte ich nicht einfach normal sein, wie die anderen auch. Später wurde das besser. Auch mit meinem Partner und heutigen Mann, der mich liebt, wie ich bin.

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  5. AdoraBelle schreibt:

    Ich habe Angst vor so einer Glatze. Ein geliebter Mensch der erkrankt ist wird vermutlich auch bald seine Haare verlieren. Mich ängstigt das, weil die Krankheit damit sichtbar wird und ich schäme mich, weil es so furchtbar oberflächlich ist. Die Person will aber keine Perücke, nur eine Mütze. Ihm ist es nicht wichtig. (Es ist natürlich NICHT meine Hauptangst. Es ist winzig im Vergleich zu den Ängsten die wir alle durchmachen, nicht falsch verstehen).
    Mir wäre es wichtig, wäre ich erkrankt. Ich liebe meine Haare. Ich würde eine Perücke wollen, wenn es nicht anders geht. Am liebsten aus den eigenen Haaren.
    Hier sieht man, wie unterschiedlich Leute das sehen. Ich kann nicht verstehen, weshalb andere welche Wünsche auch immer haben. Aber ich habe es zu akzeptieren und ich WILL es auch akzeptieren. Denn DAS kann ich frei entscheiden. 🙂

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    • So oberflächlich ist diese Angst gar nicht – im Gegenteil. Ich sehe es eher als die Angst davor, den eigenen Körper ein Stück weit abzulehnen, gerade weil einem ja geholfen würde- und das ist ein sehr großes Thema.

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