Über Armut sprechen

Die Diagnose, die Therapie und das Leben damit und danach sind schon schwierig genug. Immer wieder gibt es neue Baustellen um die wir uns herum- und hindurch manövrierten. Ein besonders großes Problem war die Geldnot.

Armut ist ein sehr großes Thema bei Krebs, 2018 stand der Tag der Krebsselbsthilfe ganz unter diesem Thema, zudem auch Onko zur Podiumsdiskussion eingeladen wurde. Es ist aber nicht nur die Geschwindigkeit mit der wir in die Armut fielen, sondern ebenso befremdlich wie das Umfeld auf einem da reagiert.

Mit der Diagnose war zunächst klar, da lässt sich während der Therapie nicht arbeiten, also gab es Krankengeld, was zwischen 70-90% des Einkommens beträgt und für maximal 78 Wochen gezahlt wird. Das war genug um die Therapie zu durchlaufen. Leider war es aber so, dass Onko danach nicht wieder in ihrem alten Job arbeiten durfte, also musste etwas Neues gesucht werden. Dafür gab es dann ALG1 (für ein Jahr), und das sind dann plötzlich 60%.

Doch dann kamen die Metahasen. An Arbeit suchen war nicht mehr zu denken. Nun müssen drei Jahre vergehen bis es wieder Anspruch auf neue 78 Wochen Krankengeld gibt (es waren aber erst weniger als ein Jahr seit Ende der Therapie vergangen), daher gab es für uns nur noch die „Restzeit“, was nicht sonderlich viel war. Es folgte also schnell wieder einen Wechsel auf den Rest des ALG1. Auch hier nur den Rest, denn um wieder einen Anspruch auf ein volles Jahr ALG1 zu haben, hätte sie Arbeiten müssen, was ja gar nicht möglich war. Onko hatte da bereits einen Rentenantrag gestellt, der ein halbes Jahr brauchte bis er durch war. Es spielt dabei keine Rolle wieviel Zeit vergeht, denn es wird nichts rückwirkend gezahlt. Das ALG1 war schnell aufgebraucht, wir musste für einige Monate also mit ALG2 überbrücken – mit all seinen bürokratischen Hürden.

Als die Rente dann endlich da war (seit der Erstdiganose sind fast drei Jahre vergangen), ging es wieder bergauf- zuminest mental. Die volle Erwerbsminderungsrente betrug ca. 30% des damaligen Einkommens. Wir hatten immer schon knapp gelebt, also haben wir auch das noch irgendwie hinbekommen. Wir hätten Aufstocken können, über weitere Anträge-  um einen zweistelligen Betrag, dies war abhängig von meinem Einkommen (ich verdiene ja „fürstlich“ mit einer 50%-Stelle an der Uni), doch wir wollten nur noch weg von Ämtern und Anträgen.

Natürlich hatte Onko nicht viel in die Rentenkassen einzahlen können- wie denn auch wenn Zeit ins Studieren investiert wurde? Wir fielen durch ein „Loch“. Fälle wie Onkos scheinen aktuell nicht in unserem Gesundheits- und Rentensystem vorgesehen. Dabei hatte sie noch Glück das sie wenigstens die fünf Mindestjahre einzahlte, sonst wäre sie gleich auf die Grundsicherung gefallen – wenn sich nichts an der Gesundheit ändert (und nach der dritten Verlängerung der Erwerbsminderungsrente, denn diese wird zunächst auf zwei Jahre begrenzt) für den Rest des Lebens.

Doch befremdlich ist auch, wie Menschen Armut sehen. Zum Einen wurde uns geraten an bestimmten Stellen zu sparen, damit wird suggeriert, ihr seid nur zu doof um mit Geld umzugehen. Wir wussten zum Teil deutlich besser- und da vage ich zu behaupten das dies generell für Menschen an der Armutsgrenze zutrifft, wo und wie gespart werden kann.

Dann gab es Hilfeangebote. Es ist gut und schön wenn einem Hilfe, ob finanziell oder als Sache angeboten wird – auf solche Angebote kamen wir gerne zurück, wenn wir es für nötig hielten. Es gab auch viele Freunde die uns das Angebot ein Mal gemacht haben- so ist es richtig.

Es gab aber auch jene, die immer wieder fragten- und das ist ein Problem. Es erinnert einem immer wieder an die eigene Situation – was pychologisch Stress bedeutet. Wenn dann ein Geschenk zu Hause steht, ist es auch eine Art „Erinnerung“ daran, dass ist etwas, dass konnten wir uns nicht aus eigenen Stücken leisten. Auch das kann psychologisch belasten. Wenn es wirklich nötig ist, haben wir Hilfe angenommen, aber eben auch erst dann- genau aus diesem Grund. Geschenke ändern nichts an der Situation.

Wir haben uns relativ teuren Kaffee und Tee gekauft, generell für „gute“ Nahrungsmittel Geld ausgegeben – und das war auch richtig so. Denn nur wir haben zu entscheiden was uns Lebensqualität gibt, nicht Dritte. Wir hätte daran sparen können um uns dann z.B. mal einen Urlaub zu gönnen. Doch wäre dieser Urlaub dann eine kurzfristig Lebensqualität, die wir über längerfristige Reduzierung der Lebensqualität „eingetauscht“ hätten.

Wenn kaum die Möglichkeit zum Sparen gegeben ist, läuft es letztlich nur auf ein Abwägen davon heraus, wo Lebensqualität eingespart werden kann, um sie sich wo anders zu holen. (Es zeigt vor allem wie „sinnvoll“ Spartipps in solchen Situation sind).

Und jetzt? Wie beschrieben, wir habe immer irgendwie sparsam Leben müssen. Ich bin ihrer Familie dankbar das sie gut die Hälfte der Kosten der Besattung übernahm. Aus der oben beschriebenen Situation heraus Umzug und meinen Teil der Bestattung zu zahlen war schwierig, aber irgendwie noch möglich. Doch selbst jetzt nach einem halben Jahr merke ich noch immer, dass es finanziell gerade so reicht (aber immerhin, es reicht).

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4 Antworten zu Über Armut sprechen

  1. J. schreibt:

    Danke, dass diese Problematik so klar benennst. Mein Gefühl ist, dass Armut bei Krankheit oft noch immer als „individuelles“ Problem wahrgenommen wird, dabei ist es ein gesellschaftliches Problem!
    Ich selbst kann hier nicht aus meiner Erfahrung sprechen, aber aus der eines engen Freundes, der viele Jahre an Krebs erkrankt war und auch daran gestorben ist. Er war die meiste Zeit der Erkrankung im Studium, seine Eltern konnten ihn nicht wirklich unterstützen (sie halfen, wo sie konnten, aber auch das war nicht leicht, für beide Seiten nicht). Er ist durch alle Raster gefallen: Er hatte ein Stipendium, aber das wurde nicht gezahlt, wenn er aufgrund von Behandlungen Urlaubssemester nehmen musste; Krankengeldanspruch hatte er nicht, Rentenanspruch auch noch nicht wirklich. Aber nicht einmal Anspruch auf ALG 2, weil er war ja Student… Selbst ich als enge Freundin habe eine ganze Weile gebraucht um zu begreifen, in was für einer eigentlich unmöglichen finanziellen Situation er sich befand.
    Es ist schrecklich, wenn man seine Kraft eigentlich für was anderes braucht, und damit meine ich nicht nur den Kampf gegen den Krebs, sondern auch: Ausbildung machen, leben. Gerade als junger Mensch! – und dann ist man permanent mit diesem Existenzkampf beschäftigt. Es war schrecklich und auch entwürdigend, weil ihm damit im Grunde permanent signalisiert wurde, dass er Bittsteller ist. Obwohl er doch eigentlich einen Anspruch darauf hatte, sein Leben finanzieren zu können und für seine Gesundheit sorgen zu können!

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  2. Karl schreibt:

    Oh, ich habe dann Onko, ohne es zu wissen, persönlich kennen gelernt. Wir haben uns am Tag der Krebsselbsthilfe getroffen, wo ich mit einem Mitglied unsers Mitgliederbeirates als Vertreter unseres Verbandes (BV Schilddrüsenkrebs) war, ich bin dort Bundesvorsitzender.
    Wir haben uns ein Weile unterhalten, auch über die aus unserer Sicht leicht verunglückte Präsentation der Veranstaltung, bei diesem Thema ausgerechnet in einem der teuersten Hotels der Stadt. Vermutlich war dies so, um den eingeladenen Vertretern der Politik einen entsprechenden Rahmen zu bieten. Leider kam ausgerevchnet von denen kein einziger, was ich ganz besonders enttäuschend fand. Konnte wirklich sich niemand aus der Politik bei diesem Thema loseisen? Oder war es ihnen einfach peinlich, dass Menschen in diesem reichen Land wegen krankheit arm werden müssen?
    Das Problem ist für sehr viele sehr real. Für junge Betroffene natürlich, weil sie kaum Chancen haben vorzusorgen. Und ehrlich, wer denkt schon daran, dass man wegen einer Krebserkrankung arm werden könnte Aber auch ältere Betroffene können schnell an ihr wirtschaftlichen Grenzen kommen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren. Als Kleinselbständiger, der nie genug übrig hatte, um ernsthaft Vorsorge zu treiben oder einen EU-Rentenanspruch zu erwerben, sondern im Gegenteil Rücklagen auslösen musste, um über die Runden zu kommen, hat mich die Krebserkrankung zunächst mal einiges an Kraft und dann ein paar Kunden gekostet, die nicht warten konnten, bis ich wieder halbwegs auf dem Damm war. eine Reha hat das nicht besser gemacht, war aber unumgänglich, da alle Akkus definitv leer waren und ich die Kundschaft nicht hätte bedienen können, wenn sie mich denn mit Aufträgen überhäuft hätte.
    Armut wegen Krebs sollte einfach nicht sein!

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  3. Vivien Ernst schreibt:

    Hallo Toni, Kathrin war ein so wunderschöner Mensch. Mein herzliches Beileid 🖤🕯🙏🏻. Irgendwann seht ihr euch wieder. Ich habe eine Frage. Was hatte Kathrin für eine Art von Brustkrebs?Meiner ist HR positiv und HER2 negativ. Ich folgte Kathrin schon so lange aber konnte darüber nichts finden. Lg

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