Dem Alltag eine Chance geben

Dies ist eine leicht abgeänderte Version meines Artikel aus dem Jahresbericht 2019 des Ambulanten Hospizdienst Greifswald-Ostvorpommern. Also, irgendwie auch eine Art „Gastbeitrag“ von mir selbst 🙂

Der Hospizdienst bietet Hilfe in Begleitung von Sterbe- und Trauenphasen an, wobei (für mich) zu den wohl wichtigsten Aufgaben darin besteht, ein Stück Alltag zurück zu geben. Schließlich sind beide Phasen zwar durch Trauer und Verlust gezeichnet, doch bedeutet dies eben nicht das dieser Zustand die ganze Zeit über für Betroffene anhält. Zwischendurch gibt es auch die schönen, die normalen Momente. Darum soll es jetzt gehen.

Diesen, und weitere Artikel von Angehörigen haben ihren Raum in den Jahrsberichten des Hospizdienstes und können auf der Homepage eingesehen werden.

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Dem Alltag eine Chance geben

Onko erhielt die Diagnose Brustkrebs mit 31 Jahren. Nur knapp zwei Jahre später dann- Metastasen. Und dennoch, wir ließen uns nicht unterkriegen, wahrten unseren Optimismus. Onko verarbeitete die Therapie auf kreative Weise durch basteln, in ihren Blog sowie ihren Comics.

Der Tod war eine ihrer Comic-Figuren, jedoch nicht bedrohlich, sondern viel mehr als knöcheriger, aber geselliger vor allem aber missverstandener Typ. Der Tod war bei uns nie ein Tabuthema, umso mehr jedoch in unserem Umfeld. Zwar wurde Todd, so sein Name, von vielen mit einem Lächeln gesehen, doch änderte dies leider wenig an der Einstellung in unserem Umfeld, dass Thema zu Enttabuisieren.

Als die Metastasierung bei ihr fortschritt, entschloss sie sich den ambulanten Hospizdienst als Begleitung zu wählen. Nicht jedoch als Sterbebegleitung, auch wenn Sterben und Tod sicher ebenso Themen gewesen sind.

Nein, es sollte eine Begleitung durch den Alltag sein, denn viele aus unserem Bekanntenkreis war es zu viel, jemanden mit 35 Jahren mit metastasierten Brustkrebs zu sehen. Nur zu oft wurde sie, wurden wir beide, mitleidig und in Trauer betrachtet. Diese Reaktionen sind in unserem Kulturkreis normal, daher will ich das auch nicht anprangern.

Umso schöner war es jedoch, wenn jemand vom ambulanten Hospizdienst vorbei kam um sich ganz zwanglos über Themen des Alltags zu unterhalten. Endlich keine falsche Rücksicht, endlich nicht so behandelt werden, als läge man bereits im Grabe.

Das Leben nehmen, wie es ist und etwas schönes daraus machen, dass war uns wichtig. Der Tod war kein Tabuthema, wir haben darüber gesprochen und damit normalisiert, daher blieb genug Raum für Themen des Alltags. Sich ganz normal mit anderen unterhalten wurde zu einer Seltenheit, doch war dies dank des Teams wieder möglich.

Noch deutlicher wurde das auf der Palliativstation. Nur zu oft wurde sie mit einem „du siehst aber schlimm aus“ begrüßt – als wäre das uns nicht selbst bewusst gewesen. Entsprechend war die Stimmung bei Besuchen vieler Bekannten. Wieder, ja- dies sind normale Reaktionen und es ist wichtig der Trauer Raum zugeben. Jedoch waren wir plötzlich in der Situation den Besuch zu trösten und die Stimmung zu heben, was viel Kraft abverlangt, die man in der akuten Situation nur ungern aufbringen kann und will.

Und wieder, dass Team des ambulanten Hospizdienst trat rücksichtsvoller auf. Es gab ein „Hallo, wie geht‘s?“ anstelle voraus zu setzen, dass man Leide. Auf die gleiche Weise hat mir das Team auch nach Onkos Tod durch die Trauerphase geholfen.

In ihrem Blog und ihren Comics konnte Onko ihr Leben mit dem Krebs verarbeiten. Es half ihr, sich lebendig zu fühlen, den Tod zum Teil des Lebens zu machen, anstelle ihn weit weg zu schieben. Diese Normalität haben wir dank des Hospizdienstes auch in den letzten Tagen erleben dürfen.

Es gibt sie, die schönen Momente, die normalen Momente, egal wie die Gesamtsituation aussehen mag. Diese noch teilen zu dürfen, dafür bin ich dem ambulanten Hospizdienst dankbar.

Toni

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