Wer braucht hier eigentlich mehr Zeit?

Jeder Mensch hat seine eigene Form der Anteilnahme. Es ist ein Form als Ausenstehende mit der Situation irgendwie fertig zu werden. Als Betroffener muss ich dann immer wieder abwägen. Was lasse ich zu? Wo halte ich dagegen? Immer mit dem Wissen das ich dann auch die Mechanismen der Anderen ein Stück weit einschränke – manchmal ein Drathseilakt.

Vorweg, niemand unter den Lesenden (Social Media oder privat) soll sich angesprochen meinen- beherzt dies bitte 🙂

Es war ja schon einige Male ein Thema hier im Blog – aufbauende Worte und Gesten, die gut gemeint, aber leider den gegenteiligen Effekt erziehlen. Auch diesmal geht es um genau das, eine Formulierung die ich häufiger gesagt bekomme- die mich aber jedes Mal stört und die ich nun nicht mehr Lesen mag

– „Alles braucht seine Zeit“ –

Ich kann es nicht leiden- und werde nun ausführen weshalb. Mir ist das wichtig um klar zu machen, welche Macht hinter manch harmlos wirkender Formulierung steckten kann.

Ungeduld

Wenn ich schreibe das es mir gerade sehr schlecht geht, aber in einer Therapie bin, dann ist mir schon klar das so etwas ein längerer Prozess ist. Das dauert, dass wird einem von Anfang an gesagt. Wenn ich dazu nun den Kommentar „alles braucht seine Zeit“ bekomme, empfinde ich es so, als würde mir unterstellt das mir es nicht schnell genug gehen kann mit der Erholung – frei nach.

„Es geht mir schlecht, bin in einer Therapie, aber bin trozdem noch nicht gesund!“

Produktivität

Das Comicbuch ist ein festes Ziel das ich mir gesetzt habe. Es ist völlig legitim nach dessen Status zu fragen- habe ich schon begonnen? Gibt es schon Ideen für den Aufbau? Eine, wenn auch noch so grobe Schätzung, wann damit gerechnet werden kann? Das ist alles völlig ok zu Fragen, ich habe damit kein Problem und freue mich sogar an dem Interesse. Meine Antwort darauf ist, dass ich aus gesundheitlichen Gründen kaum Fortschritte berichten kann. Alles ok- bis es dann wieder kommt „alles braucht seine Zeit“ – und schon kommt es mir so vor als müste ich mich entschuldigen –

„Tut mir leid das es so lange mit dem Buch dauert, ich bin gerdae nicht so produktiv!“

Aussitzen

Trauer ist in unserer Gesellschaft ein unangenehmes Thema. Sie stört, sie soll schnell weg, Mensch soll wieder so schnell wie möglich „normal“ funktionieren. Besonders wenn jemand wie ich noch recht jung (mit Ende 30 😉 so Einiges an Arbeit vor mir habe um mit dem Job das Leben, die Miete, Studienkredit, Rente usw. irgendwie finanzieren muss. „Alles braucht seine Zeit“ signalisiert für mich hier, dass dieses Gefühlschaos nur so eine Phase ist, die ausgessen werden braucht, anstelle es als ein Prozess zu sehen an dem ich aktiv zu arbeiten habe.

Dauert zwar, geht aber irgendwann von alleine weg und alles ist wieder gut.“

Ich kann mir natürlich selbst denken das immer etwas ganz anderes gemeint sein soll – doch ist das leider völlig egal. Entscheident ist doch, was bei mir wie ankommt. Selfcare ist wichtig. Wenn ich also ohne weiteren Kontext diese Wörter lese, vermittelt es mir als ob jemand von oben herab und mit aller Weisheit gefüttert, auf mich, hilflos und verwirrt, hinunter schaut um mir den Weg zu zeigen.

Nicht die angenehmste Vorstellung.

Noch einmal, niemand ist hier persönlich angesprochen, da ich diese Worte von Einigen mitbekommen habe. Passt schon, alles ok.

Wenn ihr also eine Person nicht wirklich sehr gut kennt und wisst, dass es sich um zB. einen eher ungeduldigeren Menschen handelt, geht einfach von euch selbst aus und stellt euch bitte mindestens folgende drei Fragen:

  • Würde mir „Alles braucht seine Zeit“ helfen?
  • Wie würde „Alles braucht seine Zeit“ mir helfen?
  • Was würde ich empfinden, wenn mir „Alles braucht seine Zeit“ in Situation X gesagt werde?

Wenn auch nur zu einer dieser Fragen keine Antwort einfällt, oder die Antwort so ausfällt, das ihr damit nichts anfangen könnt, ist es wohl besser etwas anderes zu sagen, worauf die die Fragen zufriedenstellende Antworten liefern (oder bedient euch stattdessen der Symbolik, oder Fragt nach welche Worte aufbauen sein können).

Das mag alles banal sein, jedoch ist es das leider nicht. Wie Anfangs gesagt, bin ich mir bewusst das Anteilnahme eben auch bedeutet, eine schwierige Situation von Außen betrachtet, zu verarbeiten. Und vielleicht bin mit dem Satz „Alles braucht seine Zeit“ auch gar nicht ich gemeint, sondern dient viel eher der eigenen Beruhigung. So gesellt sich zu den drei Fragen oben eine Vierte dazu-

  • Brauche ich denn die Zeit, um die Situation und alle Betroffenen (besser) zu verstehen?

Ist hier die Antwort ein „Ja“ – dann ist auch klar, dass ich, bzw. Betroffene, nicht die richige Adresse sind. Zumindest sollte klar gemacht werden, wer und was, womit gemeint ist.

——-

Wünsche noch einen frohes neues Jahr 🙂

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3 Antworten zu Wer braucht hier eigentlich mehr Zeit?

  1. Antje Wendlandt schreibt:

    Schöner Beitrag und sehr wichtiger Einwand. Auch ich benutze die Aussage “ Alles braucht Zeit und jeder trauert in seinem Tempo“ beruflich des Öfteren…. allerdings in sehr frischen Trauerprozessen, da macht das vielleicht noch einen Unterschied. Aber welche Fragen oder Aussagen wären denn z.B. „hilfreich“ oder zumindest weniger belastend für Dich oder allgemein Trauernde?

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    • Es hängt von der Situatiion und dem Kontext ab.
      Spreche ich zB. über meine gesundheitlichen Probleme und das ich in einer Therapie bin, dann ist es aufbauender bzw. hiflreicher das Positive zu erwähnen. ZB. die Therapie anzusprechen, anstelle wieder das Leid in den Fokus zu rücken (iSv. „dann ist es ja bald vorbei“).
      Erwähne ich schöne Erinnerungen, dann ist eine Trauersymbolik- oder bekundung frustrierend, weil es wieder den Verlust in den Mittelpunkt stellt.
      Auch persönliche Erfahrugen können ein Gefühl des verstanden werdens vermitteln.

      Doch letztlich ist es gerade wirklich nur diese eine Formulierung die mich stört, weil sie mE. sehr viel über die Gedankenwelt des Anderen vorraussetzt (auch wenn das Sprechenden in dem Moment gar nicht bewusst sein mag).

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  2. Tagora schreibt:

    Hallo,
    Hab heute von einer Bekannten erfahren, dass Kathrin meine damals langjährige beste Freundin (aus der Jugend) diesen Blog betrieben hat, und dem traurigen Schicksal was sie ereilt hat.

    Ich werde mir nach und nach alles in Ruhe durchlesen, jedenfalls gibt es eine Botschaft die ich gerne schreiben möchte:

    Jeder lebt für sich und nicht für andere. Als ich noch keine 3 Jahre alt war starb meine Mutter, und meine Oma sagte, sie ist jetzt ein Engel und im Himmel, und schaut mir von da aus zu, wie ich mein Leben lebe. Und ich dachte, ich versuche ohne meine Mutter glücklich zu sein, weil dies wohl der letzte Wunsch meiner Mutter gewesen sein muss, damit sie nach ihrem Tod ihren Frieden finden kann.

    Manchmal rede ich mit den Geistern der Toten, bzw. ich stell mir einfach vor ich könnte es, mit ein bisschen Phantasie kommen auch Gespräche zustande. Und dann sage ich den Geistern, sie müssen meinetwegen nicht „ins Licht“ gehen, nein sie sollen mich ruhig weiter durch mein Leben begleiten, im nicht-körperlichen Zustand. Aber wenn ihnen das zu langweilig wird, sie als Geist die Welt bereisen wollen, oder vielleicht auch reinkarnieren wollen, dann halte ich sie nicht fest, denn jeder ist für sein Leben und Lebensglück verantwortlich, selbst nach dem Tod noch.

    Und wenn ich etwas tun kann, was dem anderen hilft, und mich selbst nicht belastet, zum Beispiel eine Kerze anzünden und beten, ein bisschen Obst hinstellen und ein paar Blumen, weil Geister mögen sowas angeblich, dann tu ich das gern…

    Aber Verantwortung für andere werde ich nicht übernehmen, weil mein jeder hat genug mit sich selbst zu tun, noch bevor er sich mit den Gedanken und Problemen anderer beschäftigt.

    Ich hätte ihr ein langes glückliches Leben gegönnt, aber das hat immer nur die Person selbst in der Hand. Außenstehende müssen respektieren können, wenn erwachsene Menschen Entscheidungen für sich treffen, wo sich Hoffnungen nicht erfüllen, wo Erwartungen bitter enttäuscht werden und wo man letztendlich nur versuchen kann seine Schlüsse und Lehren zu ziehen.

    In dem Sinne, alles Gute meiner guten ehemaligen besten Freundin aus der Jugend

    In meinem Herzen hast du Jahre lang gelebt, und in meinem Herzen wirst du auch noch Jahre weiter leben.

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