Was ist schon normal?! – Teil 1

Moin da bin ich wieder!

Ich greife dieses mal tief in meine Gedankenkiste und hoffe ich kriege es bis zum Ende hin euch, 1. Mitzunehmen und 2. es verständlich zu schreiben. Kurz und knapp geht es um die eigene Wahrnehmung von Krank sein, Normalität und eigene Identität.

Wie ich zu diesem Thema komme? Am Mittwoch war ich auf einem Symposium in Rostock (bereits im letzten Post angesprochen). Dort ging es um die Mediennutzung von Kindern, Jugendlichen und junger Erwachsener. Die Generation 2.0 sozusagen. Medien sind da und werden genutzt. Durch die Diagnose Krebs kommt es zu Veränderungen in der Nutzung. Inwiefern nun Medien genutzt werden, soll aber hier nun nicht das Hauptthema sein, kommt aber zum Teil nochmal vor. Mir geht es viel mehr um den Identitätswechsel, den ich schon fast mit einem Kulturschock gleichsetze.

Zunächst ist da der Beginn des Ganzen. Die Vorahnung auf etwas gefährlichem im eigenen Körper. Da ist: Besorgnis, Ahnungslosigkeit und Hoffnung, während die gesamten Voruntersuchungen zur Klärung laufen. Das geht im dauerhaften Wechsel und ruht erst wenn wirklich die Diagnose da ist. Der Kontakt im Freundeskreis reduzierte sich bei mir auf die wichtigsten Menschen, nämlich die, die bereits damit Erfahrungen gesammelt haben und die, die darüber in Kenntnis gesetzt werden mussten/sollten- nämlich meine Familie. Mein Leben bestand also darin von Arzt zu Arzt zu laufen. Krank geschrieben zu werden obwohl eine Erkrankung noch gar nicht nachgewiesen wurde. Das war schwer nachzuvollziehen, obwohl ich ja sogar neben einem Kartoffelsack weinen konnte, weil diese Ungewissheit einfach sehr zermürbend war.

Freunde spielen in diesem Aspekt eine ebenfalls wichtige Rolle. Gibt es kaum Freunde die Verständnis oder unterstützende Hilfe aufbringen sieht es mit der Zugehörigkeit schwierig aus. Ich habe ja bereits über meinen „Kranken Haufen“ berichtet. Durch das Symposium ist mir klar geworden, dass genau das mir geholfen hat, meine Freunde und mich selbst nicht zu verlieren. Ein Teil meiner Freunde hatte ebenfalls Krebs oder aus anderen Gründen eine Chemotherapie. Sie wissen was ich durch mache. Im Grunde hat sich mein Erfahrungshorizont erweitert und sich ihnen angepasst. Ich habe mich also eher genähert als abgewendet. Dennoch, diese Freunde wurden erst nach der vollständigen Diagnose zur Kenntnis gesetzt und angerufen. Ich habe mir Creme-Tipps geholt, Hilfe gesucht in diversen Angelegenheiten. Nicht alle dieser auch erkrankten Freunde halten einen engen Kontakt zu mir. Das war vorher aber auch schon so und irgendwie ist es beruhigend auch zu sehen, dass dieser Teil der Normalität gleich geblieben ist. Naja nur manchmal finde ich es schade, es so sporadisch zu haben. Vor allem wenn man neue Wertigkeiten im Leben entwickelt.

Als zweiter Punkt folgt nach der Diagnose Krebs: Bin ich krank auch wenn ich mich Gesund fühle und habe ich eine Behinderung, wenn ich nicht eingeschränkt bin? Vor allem merkt man wie stark das innere Gefühl der Erkrankung von dem äußeren Bild der Erkrankung abweicht. Wenn ich andere Menschen sehe, die an Krebs erkrankt sind fühle ich mehr betroffen als wenn ich mich selbst im Spiegel anschaue. Dies trifft auch auf mein Freundes/Bekanntenkreis zu. Mir wurde am Anfang so manches Bild einer Krebskranken an den Kopf geworfen, die ich nicht war. Das war ebenfalls ziemlich schwierig! Hat sich aber zum Glück gelegt. Man schaut mich jetzt an und fragt wie es mir geht, anstatt zu gucken wie es anderen erging und ob es bei mir auch so ist. Eine Zeit lang hat mich dieser Umstand schon wütend gemacht.

Neben der psychischen Belastung gibt es auch die körperliche Belastung durch die Chemo. Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Fatigue, Müdigkeit, Gefühlsschwankungen, und geringere Stresstoleranz. Ja, ich denke der Schwerbehindertenausweis hat seine Berechtigung. Bei mir wirkt sich das z.B. auf den Straßenverkehr aus. Bei manchem Verkehrsaufkommen gehe ich nicht den kürzeren und mitunter riskanteren Weg über die Straße, dann nehme ich den Umweg. Einfach weil meine Einschätzung der Entfernung der Autos und meine Reaktionszeit langsamer ist. Mehr als 2 Termine an einem Tag fordern mich ebenfalls und wenn dann noch Papier und Amtskram hinzukommt wird es brenzlig. Wenn man das aber weiß, kann man ja damit umgehen. Ich habe ja Zeit.

Heute kann ich immer noch sagen: Ich fühle mich nicht Schwerkrank. Wie wurde es so schön gesagt. Wer eine Krebserkrankung hat befindet sich in einer Krisensituation. Die dauert leider an und schwangt mit unter dem Behandlungsstand. Meine Schakeline (ja, ich habe meinen Tumor benannt) hat eh kaum einen Murks von sich gegeben, ist aber deutlich spürbar. Was es nicht unbedingt leichter macht. Meine augenscheinliche Nebenwirkungsresistenz gibt mir das Gefühl auch nicht an der Chemo zu leiden. Im Grunde könnte ich jedes mögliche Medikament nehmen und dessen Nebenwirkungen haben. Es kommt gefühlsmäßig bei mir das Gleiche bei heraus.  Es gibt da andere Patienten, die mehr Nebenwirkungen haben! Natürlich ist mir bewusster geworden, dass man Krebs nicht leichtfertig hinnehmen kann und dass dieser auch zum Tod führen kann. In dieser Situation stecke ich zum Glück nicht- ich hoffe das bleibt so. Von daher darf ich sagen, hat es mich noch recht gut erwischt.

Ich habe das Lachen und die schönen Aspekte des Lebens nicht vergessen. Von einer Nachbarin wurde ich mal gefragt ob ich mir das gewünscht habe. Ich glaube sie hat nicht verstanden, dass ich noch glücklich sein kann, trotz Krebs. Ich war ziemlich schockiert. Im Nachhinein ist mir bewusster geworden, das ich die Krankheit nicht schön reden kann aber ich kann mein Lebensgefühl in dieser Zeit so schön wie möglich gestalten. Warum auch Trübsal blasen wenn es doch eine Heilung gibt? Warum ständig weinen, wenn das Leben weitergeht? Warum sterben und sich aufgeben bevor man tot ist?

Mit einem gesunden Körperzustand, würde man sich nie solche Gedanken machen. Selbst in einer Erkrankung noch die positiven Dinge herauszuziehen ist irgendwie schon skurril, aber auch gar nicht anders möglich um sich die Hoffnung und Lebensqualität zu erhalten.

 

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